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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

21. August 2016

Michael Pilipp, Der Selbstmord des Papstes





Nach einer großen Dürre in Nordafrika strömen Millionen Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, nach Europa. Am Ostersonntag verkündet der neue Papst Innozenz XIV. von der Loggia des Petersdoms aus etwas, das die Welt erschüttert und springt danach in den Tod. 

Journalistin Ramona und Komponist Manuel erleben in Berlin die Tage des Umbruchs und des Chaos. Zusammen mit ihren Freunden entdecken sie ein furchtbares Geheimnis und geraten dabei in höchste Gefahr. Eine spannende Geschichte über das, was ist, und das, was sein könnte.



Leseprobe:

Die Tage davor

Ich wollte eigentlich nach Gran Canaria, den Garanten für ganzjährig herrliches Wetter.
Aber nein, meine Freundin bestand auf Rom. Und nachdem ich vorher noch nie in der Ewigen Stadt gewesen war, willigte ich schließlich ein.
Ramona buchte online eine private Unterkunft, die sich ganz in der Nähe des Vatikans befand. Es war eine sehr hübsche Wohnung, was ich ihr gegenüber aber niemals zugegeben hätte.
Überhaupt war meine Stimmung zu Beginn unseres Urlaubs irgendwie schlecht gewesen. Ich konnte gar nicht genau sagen warum, denn der Himmel war wolkenlos, sodass man tagsüber durchaus im T-Shirt draußen sitzen konnte. Alles hatte wunderbar geklappt, selbst der Flug war ohne Komplikationen vonstattengegangen. Ich denke, es lag einfach daran, dass ich so auf die Kanaren fixiert war und ich meinen Willen nicht hatte durchsetzen können. Aber schon am ersten Abend hatte das wunderbare Essen in einem kleinen Restaurant meine Stimmung etwas steigen lassen, und die vier Tage, die wir nun bereits hier in dieser großartigen Stadt verweilten, waren sehr schön gewesen.

Ein Summen. Die Stechmücke quälte mich schon die ganze Nacht hindurch. Ich wedelte mit den Händen und rieb danach meine verquollenen Augen, tastete blind nach meiner Armbanduhr. Fünf Uhr. Viel hatte ich nicht geschlafen, aber an ein Weiterschlummern war nun nicht mehr zu denken.
Ich blickte zu Ramona, die mit dem Rücken zu mir seelenruhig schlief, und berührte mit der Nase ihren Nacken. Wie gut sie immer duftet, dachte ich, stand auf und wankte im Dunkeln zur Toilette. Zähneputzen kann nicht schaden, fand ich, als ich mir die Hände wusch, denn vielleicht könnte ich Ramona mit ein wenig Ankuscheln ja zu ‚mehr‘ bewegen. Erwartungsvoll schlich ich zurück ins Bett, zog meine Unterhose aus, flutschte leise unter das dünne Stofftuch und schmiegte mich an ihren warmen Körper.
„Mann! Lass mich in Ruhe! Ich will schlafen.“ Und um meine Niederlage noch zu betonen, stieß sie mich grob von sich.
Frustriert stand ich wieder auf und streifte mir die nötigsten Klamotten über. „Ich gehe runter zu McDonalds und trinke einen Kaffee“, brummelte ich und nutzte mein Handylicht, um die Zimmertür zu finden.

Die eiskalte Morgenluft traf mich wie eine zusätzliche Ohrfeige, als ich auf die leere Straße hinaustrat. Um diese Zeit ist Rom auch nicht gerade lebendiger als das kleine Scheißkaff, in dem ich geboren worden bin, dachte ich ärgerlich und hoffte inständig, dass das McDonalds in unserer Straße einen Vierundzwanzig-Stunden-Service hatte.
Es war offen. Fröstelnd trat ich ein paar Minuten später, mit einem dampfenden Pappbecher in der Hand, aus dem Schnellimbiss und überlegte, was ich nun unternehmen könnte. Ramona würde nicht vor acht Uhr aufstehen, geschweige denn ausgehfertig sein. Über zwei Stunden Zeit also. Nachdem der Petersplatz nur zirka fünfzehn Minuten entfernt war, entschloss ich mich dorthinzulaufen. Ich war sicher, dort wenigstens auf ein paar interessante Medienleute zu treffen, denn schließlich wartete die Welt sehnsüchtig auf das Ende des nun bereits dritten Konklaves, der Versammlung der Kardinäle, die den neuen Bischof von Rom, den Papst, wählen sollte. Bereits zweimal war schwarzer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle aufgestiegen. Ich hatte damals absolut keine Ahnung von der Kirche und ihren vielen, für mich sonderlichen Gepflogenheiten und Bräuchen. Aber selbst mir war nicht entgangen, dass die aktuellen Kandidaten wohl durchaus umstritten waren.
Durch den dichten Nebel schienen die Straßenlaternen die Stadt in eine Art zauberhafte Bühne verwandeln zu wollen. Wunderschön, dachte ich und genoss einen großen Schluck meines heißen Kaffees.
Kurz vor der Via Aurelia traf ich schon auf die ersten kleineren Gruppen. Ich zwängte mich gerade an einem Übertragungswagen vorbei, der den halben Fußgängerweg blockierte, als mich ein junger schlaksiger Typ in viel zu weiten Klamotten ansprach. „He, für solch einen Kaffee würde ich jetzt gerade mein Leben geben“, sagte er auf Deutsch.
„Was nützt dir dann der Kaffee?“, fragte ich lächelnd. „Woher wusstest du, dass ich Deutsch spreche?“
„Na, was steht da wohl auf deinem T-Shirt?“
Ich schaute an meiner offenen Wolljacke herunter. ‚Gefällt mir‘ war da zu lesen, zusammen mit dem bekannten Daumen-nach-oben-Symbol.
„Stimmt“, meinte ich und reichte ihm meinen Kaffee. „Sag, ihr berichtet hier über die Papstwahl? Was gibt es da Neues?“
Irgendwie erinnerte mich der Typ an Goofy. Er trank einen großen Schluck. „Ah, das tut gut. Na ja, so wirklich viel weiß ich nicht. Ich bin hier lediglich für die scheiß Kabel zuständig. Aber anscheinend ist denen ihr Spitzenkandidat abhandengekommen. Ha, der hat wohl kalte Füße bekommen. Kann ich gut verstehen.“
„Der Papst ist abgehauen?“
„Nicht der Papst, Mann. Der wird doch erst gewählt. Aber einer ihrer Favoriten. Ein Südafrikaner, soweit ich weiß.“
„Na, so was! Das ist ja ein Ding! Die können da einfach rausspazieren? Ich habe echt keine Ahnung von dem Zeug. Kirche ist eben nicht so meins.“
„Kann ich gut verstehen“, antwortete er und nahm noch einen kräftigen Schluck meines wertvollen Getränkes zu sich. „Ich selbst glaube auch nur das, was ich sehe.“ Er hustete trocken. „Nein, natürlich läuft von denen normalerweise niemand einfach mal so durch die Stadt. Der wird sich wahrscheinlich im Vatikan verlaufen haben. He Mann, die sind doch fast alle hundert Jahre alt und total senil.“ Er lachte laut auf, bleckte mir seine viel zu großen Zähne entgegen und zog ein letztes Mal am Kaffee. Dann gab er mir den Becher zurück.
Besorgt blinzelte ich hinein, und leider wurden meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Halb leer.
„He Mann, danke für den Kaffee. Das war echt nett.“
„Kein Problem. Ich hole mir einfach noch einen“, meinte ich lächelnd, hob die Hand kurz zum Gruß und blickte dabei auf meine Uhr. Erst kurz vor sechs, dachte ich gelangweilt. Ich schaute mich ein wenig um und stellte fest, dass sich die Straße langsam belebte.
Immer noch war es unangenehm nasskalt, und ich bekam langsam Hunger. So entschied ich, mich auf den Rückweg zu machen, diesmal aber einen anderen Weg zu nehmen und mich dabei ein wenig in der Altstadt umzusehen.
Tagsüber waren die Gassen überfüllt mit Touristen, und so sah ich eine gute Gelegenheit, ein paar schöne Erinnerungsfotos mit dem Handy zu schießen. Der Nebel, verbunden mit dem Licht des Morgens, erschien mir damals als das ultimative Motiv.
Ich zog also los, und tatsächlich konnte ich ein paar echt geniale Bilder einfangen, war dabei aber so ins Fotografieren vertieft, dass ich mich bereits nach wenigen Minuten verlaufen hatte. Also schaltete ich das Smartphone auf Navigation, gab die Adresse unserer Unterkunft ein und wartete, dass dieser winzige Computer mich auf den rechten Weg zurückbrachte. Kein Empfang. Das war ja klar.
Ich hörte etwas. Jemand, eine Frau oder ein Mädchen, sang ein wunderschönes Lied, traurig und doch irgendwie voller Kraft. Ruckartig drehte ich mich um, lief hin und her, konnte aber den Ursprung dieses wunderschönen Gesangs nicht ausmachen. Ich horchte wieder. Das muss ich unbedingt aufnehmen, dachte ich. Ja, ich bin Komponist und von jeher fasziniert von Musik. Und diese Melodie war so unglaublich schön, dass mir sofort eine passende Orchestrierung dazu einfiel. In meinem Kopf ertönte bereits ein ganzes Orchester zu ihrem Lied. Ich muss die Sängerin unbedingt finden, dachte ich fast schon panisch und begann in die von mir vermutete Richtung zu laufen.
Überraschend verstummte die Stimme. Ich stoppte abrupt und fand mich, völlig alleine, inmitten eines Labyrinths aus engen stockfinsteren Gassen wieder. Eine Kirchenglocke läutete in der Ferne, ein Hund antwortete ihr unaufhörlich. Gruselig, dachte ich, musste jedoch über die klischeehafte Situation grinsen. Dennoch ein klein wenig verunsichert, ging ich die winzige Straße, durch die ich ursprünglich gekommen war, zurück. Oder vielleicht sollte ich besser sagen ‚vermeintlich ursprünglich‘, denn natürlich war es der falsche Weg, was mir aber erst nach zirka zehn Minuten Marsch auffiel.
Ein warmes Licht erregte mein Aufsehen, und so blieb ich stehen. Direkt vor mir lag eine kleine Kapelle, deren Tore weit offen standen, sodass man die vielen Kerzen erkennen konnte, die im Inneren ein weiches oranges Licht zauberten. Was für ein Motiv, dachte ich entzückt und schoss ein paar Fotos. Ein kurzer Blick ins Innere konnte nicht schaden, so betrat ich die Kirche.


Der Autor
Michael Pilipp
geboren: 23.09.1962 (in Coburg - auch wohnhaft)
erste Kurzgeschichten: 2000 (bis 2001)
erstes Drehbuch: 2007 („Michelle & Isabelle“)
tägliche Kolumne: 2015 („Man And The City“)
erster Roman: 2016 („Der Selbstmord des Papstes“) 


Michael Pilipp, Der Selbstmord des Papstes


Karin Büchel, Mordgeflüster – Kurzgeschichten



Kurzgeschichten, in denen Hass, Verzweiflung, Eifersucht, Gier, Zufall, aber auch Liebe im Fokus der Verbrechen stehen.

Häufig führen unerklärliche Wege zum Ziel, Menschen um ihr Glück kämpfen oder auch nicht, kaltblütige Verbrechen geschehen und skurrile Begegnungen zu überraschenden Situationen und Wendungen führen.
 
Lassen Sie sich mitnehmen in eine Welt der heiklen Verbrechen.
Mörderische Geschichten. - Kurios, amüsant, spannend und (fast) immer tödlich!


 

Leseprobe:

Sport ist Mord!

Sport ist Mord! - Sagt man doch so, oder?
Ich hasste Sport jeglicher Art: Ballspiele gingen mir auf die Nerven, Wassersportarten konnte ich so gar nichts abringen, Skispringen machte mich irgendwie nervös und Kampfsportarten aller Art waren mir zuwider.
Bruno war da ganz anders. Viermal in der Woche rannte er durch den nahegelegenen Stadtpark, zweimal wöchentlich kraulte er sich durch das hiesige Schwimmbecken und an den Wochenenden raste er mit seinem Rennrad sämtliche Erdhügel der Umgebung hinauf und wieder hinunter. Zwischendurch stemmte er Hanteln, diverse Eisenstangen, Ziegelsteine und andere Gewichte.
Jedes mal kam er pitschnass geschwitzt nach Hause, warf seine in Schweiß gebadeten Klamotten auf den Boden und duschte ausgiebig. Selig pfeifend und total gut gelaunt. Ich hörte ihn selbst in der Küche und hielt mir die Ohren zu.
Danach zog er sich einen Energie-Drink rein, mit Betonung auf Energie, aß eine Schüssel mit traditionellen Cerealien und ging zu Bett.
Das ich als seine Ehefrau eigentlich mein Leben, besonders meine Freizeit mit ihm teilen wollte, interessierte ihn so gar nicht. Er brauche diese Energie um seinen gestressten Alltag durchstehen zu können, waren seine Worte. Ich könnte ja mal mitlaufen.
Haha! - Bruno wusste ganz genau, dass mein Körper die Bewegungen eines schnelleren Laufes nicht hin bekam, lag wahrscheinlich an einem genetischen Defekt, den man allerdings medizinisch nie diagnostiziert hatte.
Aber mir war er durchaus bewusst und ich blickte dementsprechend neidisch auf alle, die sich grazil und schnell bewegen konnten.
So wie mein Bruno!
Und wäre Bruno nicht immer so müde nach seinem Sport, wäre es mir auch egal. Aber so! Gemeinsame Abende mit ihm konnte ich vergessen, geschweige denn gemeinsame Nächte. Dafür hatte er einfach keinen Sinn mehr. Wäre  zu anstrengend.
Das ich nicht lache!
Vor etwa drei Wochen lernte ich im Supermarkt Egon kennen. Ganz zufällig. Wie dies eben so geschieht. Er schnappte sich die letzte Dose Bohnensuppe aus dem Regal, obwohl meine Hand diese Dose schon berührt hatte.
„Lackaffe!“ Ein Wort, das mir in diesem Moment aus dem Mund fiel, so wie ein Zahn, der beim Zähneputzen herausbricht.
„Entschuldigung! Hier nehmen Sie die Dose, ich kann auch Linsensuppe kochen!“ Sprach der Lackaffe und griff zur Linsensuppendose.
„Kochen? Das ich nicht lache.“ Ich drehte mich auf dem Absatz um, schob meinen Einkaufswagen vor mir her und entfernte mich von diesem Regal und den Dosen.
„Warten Sie doch. - Bitte!“
Und ich wartete. Auf was, wusste ich in diesem Moment noch nicht.  Aber einige Minuten später.
Der Lackaffe stellte sich als Egon Müller-Wimpel vor, begleitete mich ins nächstgelegene Cafe und erzählte mir aus seinem Leben. Einfach so.
Ich war begeistert. Strahlte in zwei smaragdgrüne Augen und zwei Grübchen, die sich bei jedem Lachen in winzige, lustige Kuhlen verwandelten.
Auch ich erzählte Episoden aus meinem Leben, von meinem vom Sport besessenen Mann Bruno und von meiner Einsamkeit.
Ob man es nun glaubt oder nicht, aber Egon und ich waren auf ein und derselben Wellenlänge.
Seine Frau, Gott hab sie selig, sei nach einem Marathonlauf zusammengebrochen und noch im Krankenwagen gestorben. Seitdem lebte er sein Leben alleine und ganz ohne irgendeine sportliche Betätigung.
Oh wie gut mir das tat. Ein Leben ohne Sport und trotzdem zufrieden und ausgeglichen.
„Geben Sie doch ihrem Bruno jeden Tag ein bisschen Rizinus in den Energie-Drink. Sie werden sehen, dass ihm jegliche Form von Sport schwer fallen wird. Er wird verstärkt zu Hause sein und die Nasszelle ihrer Wohnung aufsuchen und wenn er erst einmal den Spaß am Sport verloren hat, dann hat er auch wieder Zeit für Sie.“
Ich dachte nach.
Nicht lange. Denn eigentlich wollte ich gar nicht, dass Bruno mehr Zeit für mich hat. Nein! Ich hatte mich Hals über Kopf in Egon und seine Grübchen verliebt und wollte ihn. So wie er war.
Aber die Idee an sich, dem Energie-Drink meines Mannes etwas beizumischen war nicht schlecht.
Tagelang beschäftigte ich mich mit dem Gedanken, welche Art von Gift wirklich zum Tod führen könnte. Bis tief in die Nacht saß ich vor meinem Computer, bis ich auf eine hoch giftige Pflanze stieß, die zu extremer Übelkeit und dann zum Tod durch Atemlähmung führte.
Sie hieß: Herbstzeitlose und wurde sogar im Jahre 2010 zur Giftpflanze des Jahres gewählt. Alle Pflanzenteile von ihr sind giftig, aber vor allem ihr Samen. In der Medizin wird sie sinnvoll eingesetzt und ist nahezu unersetzbar.
Ich war begeistert über meine Entdeckung und da das Internet unendliche Möglichkeiten bietet, etwas zu bekommen, fand ich auch relativ schnell eine Quelle, die mir ein Fläschchen mit diesem Pflanzengift zusendete.
Ich hütete dieses Fläschchen wie einen Schatz, hoffte insgeheim immer noch, mein Bruno würde seine sportlichen Extremaktivitäten mir zu Liebe etwas vernachlässigen. Musste aber erkennen, dass das nicht der Fall war. Zu allem Übel kam noch die Tatsache, dass Bruno nie alleine lief, nie alleine seine Runden im Schwimmbad drehte und nie alleine mit seinem Fahrrad durch die Landschaft raste. Er hatte eine Begleitung, wie ich durch seinen angeblich besten Freund Olli erfahren durfte. Eine gewisse Eva-Maria ließ es sich nicht nehmen, ihn auf allen Wegen zu begleiten.
Na warte, dachte ich so. Du wirst schon sehen, was du davon hast.
Auf meinem Fläschchen mit dem Pflanzengift stand, dass 20 bis 40 Milligramm schon ausreichen würden, um einen Erwachsenen aus dem Leben zu hieven.
Diese sehr geringe Menge Gift füllte ich in Brunos Energie-Drink-Flasche, schraubte sie ordentlich zu und verabschiedete ihn mit den Worten:
„Denke daran mein Schatz, wer viel schwitzt muss viel trinken.“ Dabei konnte ich ein kleines süffisantes Grinsen gerade noch verbergen.
Bruno warf seinen Astralkörper auf sein Rennrad, steckte die Energieflasche in die Rückentasche des Trikots und sauste davon. Ich vermutete zuerst zu Eva-Maria und dann die Hügel hinauf und wieder hinunter.
Leise summte ich vor mich hin und entlauste dabei meinen Rosenstock, den ich vor acht Jahren von Bruno geschenkt bekommen hatte. Damals war die Welt noch in Ordnung und Sport für ihn nur aus dem Fernsehen bekannt.
Das Klingeln des  Telefons riss mich aus meinen Gedanken. Na, ob er schon zusammen gebrochen war und irgendwo im Graben lag? Wäre sehr schnell, denn Bruno war gerade mal zehn Minuten aus dem Haus.
„Frau Kremer? Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Mann einen schweren Unfall gehabt hat. Er liegt auf der Intensivstation des hiesigen Krankenhauses.“
Das kann ja wohl nicht wahr sein! Bruno hatte noch nie einen Unfall mit dem Fahrrad.
Mein Adrenalinspiegel war am Anschlag und mein Blutdruck wohl nicht mehr messbar. Ich fuhr ins Krankenhaus, rannte auf die Intensivstation und siehe da: Vor der Tür saß eine Frau im Trikot, beide Hände vor das Gesicht geschlagen und jämmerlichst am weinen. Eva-Maria, schoss es mir sogleich durch den Kopf. Was will die denn hier? Schließlich ist Bruno mein Mann.
Der Arzt kam mit betretener Mine, gab mir die Hand und drückte sein Beileid aus. Bruno war gegangen. Für immer.
Ohne meine Hilfe. Ganz alleine, der Rausch der Geschwindigkeit war sein Täter.
Die OP Schwester gab mir Brunos Trikot, in der die Energieflasche ungeöffnet lag und Eva-Maria bekam eine Art Nervenzusammenbruch. Drohte zu kollabieren.
Was tun?
Ich reichte ihr zur Beruhigung spontan die Flasche, die ich aus dem Trikot nahm. Dachte nicht darüber nach. Wirklich nicht! - Eva-Maria trank!  Gierig, schnell und ohne abzusetzen.
Meine Güte. Das Gift, schoss es mir durch den Kopf!
Es wirkte.
Schneller als gedacht. Eva-Maria sackte zusammen, fiel dann noch so unglücklich, dass sie mit der rechten Schläfe auf die Kante des Stuhls knallte.
Ich war geschockt. Soviel Unheil an einem Tag war selbst für mich fast zu viel.
Zwei Tote!
Aber Egon mit seinen smaragdgrünen Augen, seinen lustigen Grübchen und seiner Vorliebe für Bohnensuppe aus der Dose verstand es, meine traurigen Lebensgeister wach zu kitzeln.
Ganz ohne Sport!


Die Autorin
Karin Büchel, geboren 1959 in Gelsenkirchen. Aufgewachsen in Hennef (Sieg) studierte sie nach dem Abitur Sozialwissenschaften an der Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn. Sie  arbeitet in Behindertenwerkstätten der Lebenshilfe e.V.
Seit über dreißig Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Bonn/Beuel.
Als freie Autorin schreibt sie Regionalkrimis, Kurzgeschichten über Männer und Frauen und den kleinen Widrigkeiten des Alltags sowie skurrile Geschichten, oft mit einer Prise schwarzem Humor.
Sie ist Mitglied der „Mörderischen Schwestern“ und in der „Literaturwerkstatt Hennef“.

Zu ihren Veröffentlichungen zählen u.a.:

„Beueler Kriminalgeschichten“, Band I – IV, BoD-Verlag
„Anekdoten aus Beuel & Umgebung“, BoD-Verlag
„Mord(s)geflüster“, BoD-Verlag
„Begegnungen“, BoD-Verlag

„Nix zu verlieren“, Anthologie, Hrsg. Manu Wirtz, Brighton Verlag - vertreten mit der Geschichte: „Vielleicht...“


Karin Büchel, Mordgeflüster – Kurzgeschichten


Michael Jordan, BERLINER ZWISCHEN WELTEN



Was macht eigentlich ein Engel den lieben langen Tag?
Wie regelt man seine Steuerrückstände unkonventionell?
Wann gibt es endlich Joghurts mit Fischgeschmack?
Haben Sie auch Vorsätze für jedes neue Jahr?
Ist das Speisen in gediegener Atmosphäre dem Fast Food vorzuziehen?
Warum gilt der Autor dieses Buches als Erfinder des "Small Talks"?
Und seit wann können Nieren tanzen?

Antworten darauf und anderes Zynische in diesem Buch.
Mit Texten über und aus Berlin.
Nicht nur für waschechte Berliner, auch für ungewaschene und den Rest der Welt.

Leseproben:

Aus der Rubrik „Aufreger: Aufregend erregend“
Auf dem Weg zur U-Bahn die obligatorisch, wöchentliche Begegnung mit dem verbitterten Rentner, der, scheinbar swingend schwingend, mit seinem hölzernen Gehstock bewaffnet, durchaus als hartnäckig liegend zu bezeichnendes Papiergedöns vom Gehweg zu befördern versucht und dabei – seine Gehhilfe zweckentfremdet natürlich nicht unterstützend zur Verfügung stehend – derart wild mit seinem anderen Arm rudert, dass man geneigt ist, sich auf die andere Straßenseite zu retten.
Das war mein langer Quotensatz.
Ich liebe solche Sätze …
Gehe trotzdem auf derselben Seite weiter, ducke mich dabei den Schwingungen ausweichend Meter für Meter voran.
Und in mir gebiert der Gedanke, des nachts die Straße abzuschreiten und kleine Papierfetzen am Boden festzutackern.

Aus der Rubrik „Aufreger: Mobile Sex-App“
„Moment!“, meinte ich, zückte mein Handy und spürte sofort die Blicke der neidischen Schulnager in meinem Rücken.
„Das da!“, meinte ich kurz und zeigte auf eine Kreation in der Auslage, während ich ein Foto davon machte.
Als die Verkäuferin grummelig das Brötchen in einer lustig bunten Papiertüte verstaute, lud ich mein Frühstück „ins Netz hinauf“.
Alle 876 Freunde auf Facebook und anderen Seiten waren nun informiert: JA, es ist ein Käsebrötchen!
Um den Schein zu wahren, zahlte ich mit allem mir zur Verfügung stehendem Kleingeld.
Mein Gott, die Welt steht einem offen mit solch einem Smartphone!

Aus der Rubrik „Schockstarre: Shopping“
Es war spät geworden, die Geschäfte nun schon fast leer, viele Menschen bereits auf dem Heimweg.
Doch ich lag noch hier – wohl unser letztes Geschäft für den heutigen Tag. „Probeliegen“ nannte sie es, obwohl ich der ganzen Sache eher nicht zugetan war. Und dann noch bei diesem blöden Verkäufertypen, den sie im vergangenen Jahr bei einem Abendkurs kennengelernt hatte. Na ja: So schön, wie wir den Tag bisher verlebt hatten, sollte es mir egal sein. Und ihr strahlendes Lächeln entschädigte mich für meine Eifersucht.

Aus der Rubrik „Berlin: Kreuzberger Gedanken“
Ich schiebe den Kinderwagen weiter die Adalbertstraße hinunter, rechts auf die Waldemarstraße und schließlich zum Mariannenplatz. Auch hier ist nichts mehr von dem zu spüren, worüber die Gruppe um Rio Reiser, Ton Steine Scherben, einst Hymnen schrieben.
„Keine Macht für niemand!“, oder passender für diesen Platz wohl: „Mensch Meier!“
Zerbrochenes Glas findet man nur noch auf Spielplätzen. Randale der Randale wegen.


Der Autor
Geboren wurde der Autor Michael Jordan in Berlin, wo er auch heute noch lebt.
Veröffentlichungen von Kurzgeschichten sind bisher in zahlreichen Anthologien erschienen. Unter anderem bei Familie.de, radioeins und dem Schreiblust-Verlag.
Zu seinen eigenen Büchern gehören: "Luzie und Sophie - Wolkengeflüster", "Dämmerung" und "Berliner Zwischen Welten".
Kontakt über: buch@engelsfluestern.de


Michael Jordan, BERLINER ZWISCHEN WELTEN