Salon

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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

13. November 2016

Rita Hajak, Haus der Geheimnisse



Eine junge Frau aus Hamburg hofft, im Hause ihres ehemaligen Geschichtsprofessor in Cornwall/England den Unfalltod ihrer Eltern zu überwinden. 

Schnell wird Katja klar, dass im Haus ihres Gastgebers Geheimnisse verborgen sind. 

Als sie von einem ungeklärten Verbrechen erfährt, gerät sie in tödliche Gefahr ...






Rezension

Ein guter Titel
Sehr englisch in Cornwall-Atmosphäre, wie ich mir das dort vorstelle, findet sich die trauernde Protagonistin wieder, nachdem sie von einem alten Freund der Familie eingeladen wird, um seine altehrwürdige Bibliothek auf Vordermann zu bringen. Sie hofft, dadurch auf andere Gedanken zu kommen.
 

Schon bald fühlt sie,
dass dieses schöne Haus ein Geheimnis umweht ... (darüber schreibe ich natürlich hier nichts!)
Sehr suspekt erscheint ihr auch der Sohn des Hauses, der so gar nicht seinem sympathischen alten Herrn gleicht. Da ist ihr doch der junge Arzt, den es wie sie nach Cornwall verschlagen hat, viel lieber! Ja, die Liebe spielt eine sehr große Rolle für die junge Frau, die immer noch in Trauer um ihre Eltern versunken ist.


Klassische Elemente sind es, 

mit denen Rita Hajak hier arbeitet und punktet! Denn die Kombination Trauer, Geheimnis, Liebe versteht sie gelungen umzusetzen. Die Spannung wird hoch gehalten, ich war bis zum Finale angeregt, interessiert, erfreut. Ein leicht lesbarer, feiner Roman mit gut gezeichneten Charakteren im gefälligen Erzählstil, den ich gern empfehle. Auch das Cover passt absolut zu dem Inhalt.


Elsa Rieger

Die Autorin
 1950 in Frankfurt am Main geboren, erlernte ich den Beruf der Anwalts- und Notariatsgehilfin. Bald darauf heiratete ich.
Das Schreiben war schon immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Bereits in der Schule schrieb ich mit Begeisterung Aufsätze. Später waren es Geschichten für meine Kinder. Danach war der Beruf wichtiger und die Zeit zum Schreiben fehlte. Die Jahre, die ich mit meinem Ehemann auf der Insel Fehmarn verbrachte, ließen mir genügend Zeit und Raum mich erneut der Schreiberei zu widmen. Inzwischen bin ich mit meinem Mann und meiner Muse auf vier Beinen in den Taunus zurückgekehrt.

Ich habe mehrere Bücher veröffentlicht, vorzugsweise Krimis aus der Region Taunus. Einige Kurzgeschichten sind in Anthologien, verschiedener Verlage erschienen. Jede Publikation birgt ein für mich wichtiges Thema. 


 Rita Hajak, Haus der Geheimnisse
 eBook bei Amazon

 

28. Oktober 2016

Udo Kübler, The Real Gig – Fantastische Geschichten








Geschichten zwischen Comedy und Philosophie. 
Vorgetragen von einem leidenschaftlichen Erzähler. 
Ohne Netz und doppeltem Boden.











Leseprobe

BEGEGNUNG AUF DEM ATALAYA
(2016)


Frage:
Müssen eigentlich die wirklich fetzigen Sachen immer auf Bergen passieren?

Antwort:
Keine Ahnung, aber manchmal ist es eben so …
(Und übrigens: Was versteht man denn unter ›wirklich fetzigen Sachen‹?)


Scheiße aber auch, dieser Aufstieg auf den Atalaya hatte es wirklich in sich gehabt. Möglicherweise lag es auch daran, dass er nicht besonders gut in Form war. Das zuzugeben hatte er aber nicht die geringste Lust.
Immerhin, jetzt hatte er es ja geschafft. Und nun würde er es sich erst einmal hier auf dem Gipfel so richtig gemütlich machen und die grandiose Aussicht über den gesamten Norden der Insel genießen. Wenn er ehrlich war, konnte er sich, wenn er noch unten war, nie vorstellen, dass die Aussicht von hier oben tatsächlich so überwältigend war. Denn der Atalaya war zwar vierhundertvierundvierzig Meter hoch und der höchste Gipfel hier in der Gegend – aber dennoch, so lange er nicht oben war …
Ergriffen blickte Jonathan Simpson auf die unter ihm liegende Bucht von Pollença, auf die Bergrücken von Formentor auf der gegenüberliegenden Seite, zu der imposanten Kulisse der Tramuntana, die sich die ganze Westküste, bis runter nach Port Andratx zog. Sein Blick ging über die weite Ebene Mallorcas, schweifte ab zur Albufera, dem großen Sumpfgebiet hinter Pto. Alcúdia, das sich bis fast nach C'an Picafort hinüber zog, und landete schließlich auf der großen Bucht von Alcúdia und den Bergrücken auf deren gegenüberliegenden Seite. Fast glaubte er da hinten sogar noch Árta wahrnehmen zu können. ›Oh mein Gott!‹, dachte er noch, während er den Blick über seine direkte Umgebung streifen ließ, um sich einen geeigneten Sitzplatz auszusuchen. ›Den ganzen Aufstieg über fragt man sich, ob man eigentlich noch ganz bei Trost ist, bei der Hitze über all das Geröll aufzusteigen. Und wenn man dann hier oben steht, dann wird einem klar, was man gesucht hat.‹
Na ja, wenn er ganz ehrlich war, wusste er immer noch nicht, was ihn dazu gebracht hatte, ausgerechnet heute, in dieser Gluthitze, hochzusteigen. Fakt war, er hatte es getan – und war jetzt doch sehr froh darüber, seinen inneren Schweinehund einmal mehr überwunden zu haben. Zumal hier oben die Sonne zwar noch immer brannte, als wolle sie einen schon einmal auf die Hölle einstimmen, die Luft aber wunderbar frisch und überhaupt nicht drückend war. Dennoch, die Sonne machte es einem wirklich nicht gerade einfach. Besser war es wohl, auf die andere Seite des Felsens zu gehen, um dort im Schatten Platz zu nehmen. Dort würde sicher auch das Wasser aus seinem kleinen Rucksack und ein Apfel, eine Birne oder ein Pfirsich dazu vorzüglich schmecken.
Und, wie er so den ersten Schritt dorthin machen wollte, fiel sein Blick auf das Ding, das genau jetzt hinter dem Felsen hervorkam.
Dieses Ding war annähernd kugelförmig und bewegte sich auf drei kurzen und pummeligen Beinchen vorwärts. Es verfügte über zwei dünne Arme, die unmittelbar unterhalb des kuppelförmigen Kopfes, der fast ohne Ansatz von Hals obenauf saß, links und rechts aus dem kugeligen Leib ragten, und es war fast ausnahmslos mit einer grauen, lederartigen Haut bedeckt. An der Vorderseite des kuppelförmigen Kopfes entdeckte Jonathan insgesamt fünf Augen. Drei in einer unteren Reihe, zwei mittig darüber. Eine Nase oder einen Mund konnte er allerdings beim besten Willen nicht entdecken. Insgesamt schätzte er die Höhe der Erscheinung auf knapp eineinhalb Meter. Der Durchmesser des kugeligen Leibs dürfte etwas mehr als einen Meter betragen.
Dass es sich um ein Lebewesen handelte, war recht eindeutig. Mindestens ebenso eindeutig war allerdings, dass dieses Geschöpf nicht die geringste Ähnlichkeit mit irgendeiner anderen Kreatur hier auf der Erde hatte. Jonathan machte sich also nicht erst die Mühe, sich zu fragen, wo er einem solchen Ding vielleicht schon einmal begegnet sein konnte, sondern ergab sich darein, dass er hier eine sogenannte Begegnung der Dritten Art hatte. Oder anders ausgedrückt: Er war sich sicher, hier einem leibhaftigen Alien gegenüberzustehen. Das löste bei ihm eine spontane hysterische Starre aus, die mit einem vorübergehenden hysterischen Sprachverlust einherging, der allerdings nicht weiter ins Gewicht fiel, da ihm sowieso nicht eingefallen wäre, was er in diesem Moment hätte sagen können.
Das Alien allerdings schien von seinem Anblick weniger beeindruckt zu sein. Zumindest machte es nicht den Anschein. Es blinzelte unablässig mit allen fünf Augen – allerdings in einem sehr chaotischen, für Jonathan nicht zu erfassenden Rhythmus –, hob mal den einen, dann den anderen Arm mal mehr, mal weniger etwas höher und tänzelte auf den kurzen, dicken Beinchen eine nicht zu erfassende Figur. Zwischendurch hörte Jonathan mal eher zwitschernde oder keuchende oder brummende Geräusche, die wohl von einer Art Membran kamen, die man an der Vorderseite des sehr kurzen Halses wahrnahm. Und immer und immer wieder diese Bewegungen mit den dünnen, langen Armen, die mindestens fünf Gelenke zu haben schienen, und an deren Enden jeweils eine Hand mit zwei dicken Fingern und einem Daumen saß.
Da sowohl die hysterische Starre als auch der ebensolche Sprachverlust lediglich vorübergehend waren, legte sich beides nach einigen Minuten des seltsamen Tanzens und Hantierens und Blinzelns des Aliens zumindest so weit, das sich Jonathans Mund die Worte »Ach, du heilige Scheiße« entrangen.
Daraufhin stockten der Tanz, das Hantieren und das Blinzeln des Aliens für einen Moment, und es sagte mit angenehmer Stimme klar und deutlich: »Warum, beim Schlingwiiieh, gibt mir das bescheuerte Ding nie die richtigen Informationen?« Dann räusperte es sich förmlich, stellte sich in theatralische Positur und verkündete: »Wohlan, Erdling, du darfst mich anbeten.«
Nun hatte ja Jonathan durchaus mit der einen oder anderen Überraschung gerechnet, da Aliens, wie man weiß, ganz allgemein immer für solche gut sind. Mit einem derartigen Satz allerdings hatte er nun doch nicht gerechnet.
»Hä?!«, lautete deshalb seine eindeutige Antwort.
Für einen Moment schien das Alien irritiert und blinzelte heftig mit allen fünf Augen. Dann jedoch breitete es die dünnen Arme aus, machte eine verwirrende Schrittfolge mit den Stummelbeinchen und verkündete mit vor Freude bebender Stimme: »Denn siehe, der Herr, dein Gott, hat Wohlgefallen an dir und möchte dich erhören!«
»Mich erhören?«
»Dich erhören.«
Jonathan kratzte sich am Hinterkopf. »Das verstehe ich jetzt nicht. Erhört wird man doch, wenn man um was gebeten hat, oder?«
»Durchaus«, antwortete das Alien wohlwollend.
»Aber … aber ich hab doch um gar nichts gebeten. Oder etwa doch?«
»Du hast nie um etwas gebeten?«, fragte das Alien verwundert.
»Nun, zumindest kann ich mich jetzt nicht erinnern, das getan zu haben.« Er blickte etwas ratlos zur Seite, konnte aber außer der Bucht von Pollença und den Bergrücken von Formentor dort nichts erkennen. »Zumindest nicht jetzt und hier. Also, ich meine, jetzt eben. Hier oben.« Jonathan sah das Alien treuherzig an.
Jenes schien bei diesen Worten zumindest einen Teil des bisherigen Enthusiasmus verloren zu haben, was vor allem daran zu erkennen war, dass die Spannung ein wenig aus den ausgebreiteten Armen entwichen war.
»Aber davor hast du dir schon mal was gewünscht, oder?«, fragte es dann.
»Wann genau meinst du jetzt? Jetzt, heute? Zum Beispiel während des Aufstiegs?«
»Zum Beispiel.«
»Nun, also … Klar, da hab ich mir zum Beispiel gewünscht, ich wäre schon oben.«
»Wo oben?« Das Alien deutete mit einer Hand nach oben. »Im Himmel? Meinst du oben im Himmel?«
»Gott bewahre«, wehrte Jonathan ab. »Nein, ich meine hier oben. Auf dem Gipfel.«
Das Alien sah ihn etwas ratlos an. »Aber da bist du doch.«
»Ja, klar«, sagte Jonathan. »Jetzt schon.«
Das Alien ließ nun beide Arme sinken, blinzelte nervös und schien nicht so recht weiter zu wissen.
»Ich meine, davor – gestern, oder sogar noch heute Morgen – da hab ich mir sicher auch noch andere Sachen gewünscht. Was weiß ich, vielleicht … vielleicht … Na, ich komm jetzt so spontan nicht drauf …« Jonathan ließ diesen Satz im sanften Wind verwehen, der hier oben für etwas frischere Luft sorgte. »Wenn ich’s mir allerdings recht überlege, dann kann das ja jetzt und hier nicht weiter von Belang sein, oder?« Und damit sah er das Alien erstmals so an, dass er es auch wirklich erfasste.
Dem schien das auch bewusst zu werden, aber nicht besonders gut in den Kram zu passen. »Wohlan, dann wurdest du ja schon hier und heute erhört und bist des Glanzes und der Herrlichkeit des Herrn, deines Gottes, schon teilhaftig geworden«, rief es deshalb schnell aus und reckte einmal mehr seine dünnen Arme in den Himmel.
(… wie es weitergeht, lesen Sie im Buch …)


Rezension

Okay, ich habe die Erzählungen „THE REAL GIG“ von Udo Kübler
lektoriert. Das hält mich aber nicht davon ab, eine Rezension zu den Erlebnissen des Protagonisten Jonathan Simpson zu schreiben. Schließlich habe ich ein Naheverhältnis zu dem jungen Mann, da er auch in anderen Werken des Autors die Hauptrolle spielt.

Oder spielt der Autor mit ihm?
Denn das ist der Knackpunkt dieser überaus klugen und zugleich amüsanten Geschichten um Jonathan. Der arme Kerl tappt doch ständig in unglaubliche Situation, während der Autor Kübler sich ins Fäustchen lacht.
Man könnte auch sagen, Jonathan Simpson ist der Prototyp des Menschen an sich, der sich mit Glaube, Liebe, Hoffnung sowie Hochmut, Abenteuerlust und Versagen auseinandersetzten muss, weil sein Autor das so will.

Aber dann, ja dann
ist so, dass die Erzählungen plötzlich unvollendet in der Luft hängen! Der Leser denkt sich vielleicht: Ja, spinnt der Kübler jetzt?
Nein, ganz und gar nicht, denn der Kübler bedient sich einer super Finte: Er lässt den geplagten Protagonisten auf seinen Autor treffen, gemütlich bei „THELMA’S“, einer Kneipe und tauscht sich mit ihm aus. Es entspinnen sich interessante Dialoge zur eben erlebten Geschichte, teils philosophisch, teils sehr komisch, denn Jonathan ist manchmal wütend, dass er eine schöne Geschichte ohne Happy End verlassen musste, teils aber auch sehr dankbar, einer prekären Situation entkommen zu sein.

Eine wunderbare Idee
mit so einer Finte zu arbeiten. Die Geschichten um Jonathan Simpson sind wirklich lesenswert. Waren sie schon vor dem Lektorat, das mir großes Vergnügen gemacht hat.


Elsa Rieger

Der Autor

Udo Kübler – Jahrgang 1951, geboren in Heidelberg – beschäftigt sich in seinen Erzählungen, Kurz-geschichten und Novellen am liebsten mit hypo-thetischen Situationen, denen er mit seinem Leib- und Seelen-Protagonisten JONATHAN SIMPSON zu Leibe rückt.
Kein Szenario scheint zu abwegig oder bizarr, als dass man es nicht mit Jonathans gelassener Bereitschaft, sich wirklich jeder Herausforderung zu stellen, erlebbar und nachvollziehbar machen könnte.
Und so scheint auch der Verdacht nicht völlig unbegründet, mitunter schicke der Autor den wackeren Protagonisten vor allem deshalb in seine Geschichten hinein, um selbst davon lernen – ja vielleicht sogar diese erst verstehen zu können …


Udo Kübler, The Real Gig – Fantastische Geschichten




21. August 2016

Michael Pilipp, Der Selbstmord des Papstes





Nach einer großen Dürre in Nordafrika strömen Millionen Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, nach Europa. Am Ostersonntag verkündet der neue Papst Innozenz XIV. von der Loggia des Petersdoms aus etwas, das die Welt erschüttert und springt danach in den Tod. 

Journalistin Ramona und Komponist Manuel erleben in Berlin die Tage des Umbruchs und des Chaos. Zusammen mit ihren Freunden entdecken sie ein furchtbares Geheimnis und geraten dabei in höchste Gefahr. Eine spannende Geschichte über das, was ist, und das, was sein könnte.



Leseprobe:

Die Tage davor

Ich wollte eigentlich nach Gran Canaria, den Garanten für ganzjährig herrliches Wetter.
Aber nein, meine Freundin bestand auf Rom. Und nachdem ich vorher noch nie in der Ewigen Stadt gewesen war, willigte ich schließlich ein.
Ramona buchte online eine private Unterkunft, die sich ganz in der Nähe des Vatikans befand. Es war eine sehr hübsche Wohnung, was ich ihr gegenüber aber niemals zugegeben hätte.
Überhaupt war meine Stimmung zu Beginn unseres Urlaubs irgendwie schlecht gewesen. Ich konnte gar nicht genau sagen warum, denn der Himmel war wolkenlos, sodass man tagsüber durchaus im T-Shirt draußen sitzen konnte. Alles hatte wunderbar geklappt, selbst der Flug war ohne Komplikationen vonstattengegangen. Ich denke, es lag einfach daran, dass ich so auf die Kanaren fixiert war und ich meinen Willen nicht hatte durchsetzen können. Aber schon am ersten Abend hatte das wunderbare Essen in einem kleinen Restaurant meine Stimmung etwas steigen lassen, und die vier Tage, die wir nun bereits hier in dieser großartigen Stadt verweilten, waren sehr schön gewesen.

Ein Summen. Die Stechmücke quälte mich schon die ganze Nacht hindurch. Ich wedelte mit den Händen und rieb danach meine verquollenen Augen, tastete blind nach meiner Armbanduhr. Fünf Uhr. Viel hatte ich nicht geschlafen, aber an ein Weiterschlummern war nun nicht mehr zu denken.
Ich blickte zu Ramona, die mit dem Rücken zu mir seelenruhig schlief, und berührte mit der Nase ihren Nacken. Wie gut sie immer duftet, dachte ich, stand auf und wankte im Dunkeln zur Toilette. Zähneputzen kann nicht schaden, fand ich, als ich mir die Hände wusch, denn vielleicht könnte ich Ramona mit ein wenig Ankuscheln ja zu ‚mehr‘ bewegen. Erwartungsvoll schlich ich zurück ins Bett, zog meine Unterhose aus, flutschte leise unter das dünne Stofftuch und schmiegte mich an ihren warmen Körper.
„Mann! Lass mich in Ruhe! Ich will schlafen.“ Und um meine Niederlage noch zu betonen, stieß sie mich grob von sich.
Frustriert stand ich wieder auf und streifte mir die nötigsten Klamotten über. „Ich gehe runter zu McDonalds und trinke einen Kaffee“, brummelte ich und nutzte mein Handylicht, um die Zimmertür zu finden.

Die eiskalte Morgenluft traf mich wie eine zusätzliche Ohrfeige, als ich auf die leere Straße hinaustrat. Um diese Zeit ist Rom auch nicht gerade lebendiger als das kleine Scheißkaff, in dem ich geboren worden bin, dachte ich ärgerlich und hoffte inständig, dass das McDonalds in unserer Straße einen Vierundzwanzig-Stunden-Service hatte.
Es war offen. Fröstelnd trat ich ein paar Minuten später, mit einem dampfenden Pappbecher in der Hand, aus dem Schnellimbiss und überlegte, was ich nun unternehmen könnte. Ramona würde nicht vor acht Uhr aufstehen, geschweige denn ausgehfertig sein. Über zwei Stunden Zeit also. Nachdem der Petersplatz nur zirka fünfzehn Minuten entfernt war, entschloss ich mich dorthinzulaufen. Ich war sicher, dort wenigstens auf ein paar interessante Medienleute zu treffen, denn schließlich wartete die Welt sehnsüchtig auf das Ende des nun bereits dritten Konklaves, der Versammlung der Kardinäle, die den neuen Bischof von Rom, den Papst, wählen sollte. Bereits zweimal war schwarzer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle aufgestiegen. Ich hatte damals absolut keine Ahnung von der Kirche und ihren vielen, für mich sonderlichen Gepflogenheiten und Bräuchen. Aber selbst mir war nicht entgangen, dass die aktuellen Kandidaten wohl durchaus umstritten waren.
Durch den dichten Nebel schienen die Straßenlaternen die Stadt in eine Art zauberhafte Bühne verwandeln zu wollen. Wunderschön, dachte ich und genoss einen großen Schluck meines heißen Kaffees.
Kurz vor der Via Aurelia traf ich schon auf die ersten kleineren Gruppen. Ich zwängte mich gerade an einem Übertragungswagen vorbei, der den halben Fußgängerweg blockierte, als mich ein junger schlaksiger Typ in viel zu weiten Klamotten ansprach. „He, für solch einen Kaffee würde ich jetzt gerade mein Leben geben“, sagte er auf Deutsch.
„Was nützt dir dann der Kaffee?“, fragte ich lächelnd. „Woher wusstest du, dass ich Deutsch spreche?“
„Na, was steht da wohl auf deinem T-Shirt?“
Ich schaute an meiner offenen Wolljacke herunter. ‚Gefällt mir‘ war da zu lesen, zusammen mit dem bekannten Daumen-nach-oben-Symbol.
„Stimmt“, meinte ich und reichte ihm meinen Kaffee. „Sag, ihr berichtet hier über die Papstwahl? Was gibt es da Neues?“
Irgendwie erinnerte mich der Typ an Goofy. Er trank einen großen Schluck. „Ah, das tut gut. Na ja, so wirklich viel weiß ich nicht. Ich bin hier lediglich für die scheiß Kabel zuständig. Aber anscheinend ist denen ihr Spitzenkandidat abhandengekommen. Ha, der hat wohl kalte Füße bekommen. Kann ich gut verstehen.“
„Der Papst ist abgehauen?“
„Nicht der Papst, Mann. Der wird doch erst gewählt. Aber einer ihrer Favoriten. Ein Südafrikaner, soweit ich weiß.“
„Na, so was! Das ist ja ein Ding! Die können da einfach rausspazieren? Ich habe echt keine Ahnung von dem Zeug. Kirche ist eben nicht so meins.“
„Kann ich gut verstehen“, antwortete er und nahm noch einen kräftigen Schluck meines wertvollen Getränkes zu sich. „Ich selbst glaube auch nur das, was ich sehe.“ Er hustete trocken. „Nein, natürlich läuft von denen normalerweise niemand einfach mal so durch die Stadt. Der wird sich wahrscheinlich im Vatikan verlaufen haben. He Mann, die sind doch fast alle hundert Jahre alt und total senil.“ Er lachte laut auf, bleckte mir seine viel zu großen Zähne entgegen und zog ein letztes Mal am Kaffee. Dann gab er mir den Becher zurück.
Besorgt blinzelte ich hinein, und leider wurden meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Halb leer.
„He Mann, danke für den Kaffee. Das war echt nett.“
„Kein Problem. Ich hole mir einfach noch einen“, meinte ich lächelnd, hob die Hand kurz zum Gruß und blickte dabei auf meine Uhr. Erst kurz vor sechs, dachte ich gelangweilt. Ich schaute mich ein wenig um und stellte fest, dass sich die Straße langsam belebte.
Immer noch war es unangenehm nasskalt, und ich bekam langsam Hunger. So entschied ich, mich auf den Rückweg zu machen, diesmal aber einen anderen Weg zu nehmen und mich dabei ein wenig in der Altstadt umzusehen.
Tagsüber waren die Gassen überfüllt mit Touristen, und so sah ich eine gute Gelegenheit, ein paar schöne Erinnerungsfotos mit dem Handy zu schießen. Der Nebel, verbunden mit dem Licht des Morgens, erschien mir damals als das ultimative Motiv.
Ich zog also los, und tatsächlich konnte ich ein paar echt geniale Bilder einfangen, war dabei aber so ins Fotografieren vertieft, dass ich mich bereits nach wenigen Minuten verlaufen hatte. Also schaltete ich das Smartphone auf Navigation, gab die Adresse unserer Unterkunft ein und wartete, dass dieser winzige Computer mich auf den rechten Weg zurückbrachte. Kein Empfang. Das war ja klar.
Ich hörte etwas. Jemand, eine Frau oder ein Mädchen, sang ein wunderschönes Lied, traurig und doch irgendwie voller Kraft. Ruckartig drehte ich mich um, lief hin und her, konnte aber den Ursprung dieses wunderschönen Gesangs nicht ausmachen. Ich horchte wieder. Das muss ich unbedingt aufnehmen, dachte ich. Ja, ich bin Komponist und von jeher fasziniert von Musik. Und diese Melodie war so unglaublich schön, dass mir sofort eine passende Orchestrierung dazu einfiel. In meinem Kopf ertönte bereits ein ganzes Orchester zu ihrem Lied. Ich muss die Sängerin unbedingt finden, dachte ich fast schon panisch und begann in die von mir vermutete Richtung zu laufen.
Überraschend verstummte die Stimme. Ich stoppte abrupt und fand mich, völlig alleine, inmitten eines Labyrinths aus engen stockfinsteren Gassen wieder. Eine Kirchenglocke läutete in der Ferne, ein Hund antwortete ihr unaufhörlich. Gruselig, dachte ich, musste jedoch über die klischeehafte Situation grinsen. Dennoch ein klein wenig verunsichert, ging ich die winzige Straße, durch die ich ursprünglich gekommen war, zurück. Oder vielleicht sollte ich besser sagen ‚vermeintlich ursprünglich‘, denn natürlich war es der falsche Weg, was mir aber erst nach zirka zehn Minuten Marsch auffiel.
Ein warmes Licht erregte mein Aufsehen, und so blieb ich stehen. Direkt vor mir lag eine kleine Kapelle, deren Tore weit offen standen, sodass man die vielen Kerzen erkennen konnte, die im Inneren ein weiches oranges Licht zauberten. Was für ein Motiv, dachte ich entzückt und schoss ein paar Fotos. Ein kurzer Blick ins Innere konnte nicht schaden, so betrat ich die Kirche.


Der Autor
Michael Pilipp
geboren: 23.09.1962 (in Coburg - auch wohnhaft)
erste Kurzgeschichten: 2000 (bis 2001)
erstes Drehbuch: 2007 („Michelle & Isabelle“)
tägliche Kolumne: 2015 („Man And The City“)
erster Roman: 2016 („Der Selbstmord des Papstes“) 


Michael Pilipp, Der Selbstmord des Papstes