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20. November 2012

Matthias Czarnetzki, Lutetia Stubbs: Herz aus Stein



Lutetia Stubbs sucht nicht nach Leichen - sie werden ihr gebracht; meist in praktische Plastiktüten verpackt und fertig zum Einäschern. Bedauerlicherweise kommen die Kunden in letzter Zeit mehr oder weniger ausgeschlachtet ins Bestattungsinstitut. Für Polizeichef Murdok McDuff die ideale Gelegenheit, seine Lieblingsfeindin samt Familie wegen illegalen Organhandels ins Gefängnis zu bringen.

Mittlerweile hat Harold in Las Vegas die Familienburg an einen Mafiaboss verspielt. Der steht kurz darauf vor dem Burgtor - mit Schuldschein und Panzerfaust und ohne das Bewusstsein, dass seine Lebenserwartung soeben drastisch gesunken ist.

Denn Lutetia ist vieles - nur kein Menschenfreund.


Leseprobe:

Falls es jemals ein Fach Skurrile Charaktere und ihr Verhalten in freier Wildbahn geben sollte, war Borough die erste Wahl für Praxisstudien. Lutetia Stubbs lehnte sich zurück und genoss Arthur Bellingtons Traueransprache, der gerade die diversen Vorzüge Elmar Norringtons pries - eines Mannes, dessen religiöse Ignoranz eine Bekanntschaft mit dem Vikar zu Lebzeiten verhindert hatte. Bellington störte das nicht; die Tatsache, vor einem vollen Haus zu sprechen zu können, wog diesen Mangel auf. Lutetia beobachtete die Feier von der Empore aus. Ein Schild mit der Aufschrift „Betreten verboten! Einsturzgefahr!“ garantierte ihr die nötige Privatsphäre.

„... ein Mann voller Liebe...“
Lutetia sah auf die anwesenden Trauergäste. Ihr Blick blieb unwillkürlich bei Heather Blond hängen. Jeder Blick blieb an Heather Blond hängen, dafür hatte Elmars letzte Gespielin mit viel Make-Up und wenig Stoff gesorgt; eine Maßnahme, die ihr die in der zweiten Reihe sitzenden fünf Ex-Frauen und acht Ex-Geliebten übel nahmen. Die übrigens auch nicht wie klassische Trauergäste aussahen. Norringtons Beerdigung war ein Treffpunkt der mehr oder weniger erfolgreichen Geschäftsmänner von Borough und Umgebung - und damit die ideale Veranstaltung, einen neuen Ex-Mann und Unterhaltszahler kennenzulernen. Auch Heather sah nicht nach trauernder Witwe, sondern nach Lottokönigin aus; was sie spätestens bei der Testamentseröffnung sein würde.
Norringtons Anziehungskraft hatte nichts mit seiner Gestalt, seinem Charakter oder seinem Charme zu tun - sondern ausschließlich mit seinem Bankkonto. Lutetia überschlug: fünfzehn Weibchen. Ausgehend von einer Geschlechtsreife mit sechzehn hatte Elmar siebenundvierzig aktive Jahre - also drei Jahre und drei Wochen pro Frau. Lutetia berechnete, wie hoch ein Vermögen sein musste, um seine Persönlichkeitsdefizite über einen solchen Zeitraum erträglich zu machen. Auch Bellington musste für seine Ansprache eine beträchtliche Summe erhalten haben - anders ließ sich seine Lobeshymne nicht erklären. Der Vikar lief zu Hochform auf.
„Ein Mann voller Tatendrang, der genau wusste, was er wollte und es bekam.“
Ein verächtliches Schnauben unterbrach Lutetias Gedanken: Es kam aus dem hinteren Teil der Kirche. Dort saßen Leute, die nicht trauerten, sondern sichergehen wollten, dass Norrington auch wirklich unter die Erde kam oder wenigstens auf irgendeine Art und Weise von der Erdoberfläche verschwand. Lutetia erkannte den Mann, der die andächtige Stille im Kirchenschiff gestört hatte. Dave Ruteledge war der ehemalige Leiter der Notaufnahme des Krankenhauses. Er wurde von Eva Sparrow, der Stationsschwester, begleitet.
„Wenigstens kann sie wieder normal sprechen“, flüsterte Eva.
„Für den Schwachsinn, den sie faselt, hätte ich meine Karriere nicht wegwerfen sollen.“ Evas Antwort bestand darin, ihm ihren Arm auf die Schulter zu legen.

Kaum einer der Anwesenden zeigte Anzeichen von Trauer. Norrington war reich gewesen - nicht beliebt. Sogar die McDuffs, die bei allem mitspielten, was mit Geld zu tun hatte, hatten es vermieden, mit dem Bauunternehmer Geschäfte zu machen. Er ging zwar nicht über Leichen - soweit man es beweisen konnte - aber er beschäftigte mehr Anwälte als Bauarbeiter.
Sein Vermögen hatte Norrington mit der Sanierung alter Gebäude verdient. Er kaufte die Immobilien, ließ alles abreißen und baute neue, mehr oder weniger schöne Häuser, die er für ein Vielfaches des ursprünglichen Preises verkaufte oder zu Raten vermietete, für die man auch monatlich einen neuen Ashton Martin bekommen hätte. Das sah nach Kapitalismus ist Reinform aus - einziger Makel war, dass die meisten Hausbesitzer vorher gar nicht verkaufen wollten; und schon gar nicht zu dem Preis, den Norrington anbot. Dann leisteten seine Angestellten - die meist nur Namen mit drei Buchstaben und einen Baseballschläger in der Hand hatten - Überzeugungsarbeit. Wer dann noch nicht spurte, erwachte morgens im Bett mit nichts als dem blauen Himmel über sich. Manche Baggerfahrer waren wahre Künstler mit der Abrissbirne. Wobei diese Baggerfahrer überhaupt nichts mit Norrington zu tun hatten. Dann konnten die frischgebackenen Ruinenbesitzer froh sein, wenn Norrington ihnen überhaupt noch etwas gab.
Bellington wollte gerade die Verdienste des Verblichenen aufzählen, als er entgegen seiner Angewohnheit einen Blick auf die Gesichter seiner Zuhörer warf und entschied, dass diese die Mühe nicht wert waren. Schließlich hatte er auf Vorkasse bestanden. Kurz entschlossen ließ er die nächsten drei Seiten seines Manuskripts verschwinden.
„Übergeben wir nun die sterblichen Überreste unseres Bruders dem Erdboden, aus dem er geschaffen wurde.“ Bellington drückte auf einen Knopf, der die Automatik aktivierte. Zuerst füllten Sphärenklänge das Kirchenschiff, unterstützt vom elegischen Gesang eines gregorianischen Chores. Dann wurde der Sarg von einigen unauffällig angebrachten hydraulischen Zylindern angehoben und in die richtige Position gebracht, bis sich geräuschlos eine zweiflüglige Falltür öffnete und der Sarg langsam im Boden verschwand.
„Fahr zur Hölle“, sagte jemand.
Lutetia wusste, dass der Sarg nicht so tief hinabgelassen wurde, sondern nur bis in die Krypta. Dort wurde er auf einem Förderband abgesetzt, das ins Krematorium führte. Dort wartete George bereits - wahrscheinlich mit seinem Eiersalat-Kresse-Sandwich in der Hand - und würde die Kiste direkt vom Band in den Ofen schieben, die Gasflamme anzünden und pünktlich zum Feierabend zu Hause sein.
Bei eintausendsechshundert Grad dauerte es eine Nacht, bis Norringtons Überreste in die leere Kaffeedose passten, die eine mitleidige Seele anstelle einer Urne gesponsert hatte. Norrington mochte halb Borough gehören - in ein Stück Friedhofsland hatte er nicht investiert. Und niemandem war er genug wert, um eine größere Grabstätte zu bezahlen als die zwanzig mal zwanzig Zentimeter, die ein Urnengrab mindestens haben musste.
Die Falltür im Kirchenboden schloss sich mit einem leisen Klicken, das niemand hörte. Kaum war der Sarg aus dem Blickfeld verschwunden und die lästige Pflicht der Trauerfeier erfüllt, stürmten die Besucher zum Ausgang. Heather Blond hatte sich gerade positioniert, um Kondolenzen entgegenzunehmen, als die Kirche schon leer war. Bellington ging unsicher ein paar Schritte auf sie zu. Die geballte Weiblichkeit dieser Frau verunsicherte ihn, andererseits war sie auch eine trauernde Witwe, der er seinen Beistand nicht versagen durfte.
„Es tut mir leid...“, begann er.
„Um ihn? Wieso?“ Heather zeigte mit dem Daumen auf die Stelle, wo Norrington eben noch aufgebahrt war. „Braucht es nicht. Das war er nicht wert.“
Bellington überlegte. Im Trauerhilfe-Ratgeber verhielten sich Witwen anders.
„Wenn ich Ihnen...“
Heather winkte ab.
„Tut mir leid, Vikar, vielleicht ein andermal. Ich habe in zehn Minuten einen Kosmetiktermin. Ich muss unbedingt diesen Trauernde-Witwe-Look loswerden.“
Bellington starrte ihr immer noch mit offenem Mund nach, als die Tür schon längst zugefallen war. „Sowas“, murmelte er nach einer Weile und verschwand in der Sakristei.
Lutetia lächelte im Schatten. Sie wartete, bis Bellington endlich das Feld räumte. Sie hatte persönlich nichts gegen den Vikar, außer dass er sie vor kurzem als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrennen wollte, aber sie zog es vor, nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Sie wollte gerade gehen, als jemand vorsichtig auf ihre Schulter tippte. Es war George. Lutetia hätte vieles sagen können, angefangen von: „George, wie schön dich zu sehen“, „Was machst du hier, wir wollten uns doch zu Hause treffen“, „Habe ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe?“, „Wie geht es dir?“, „Du hast mir heute noch gar nicht gesagt, dass du mich liebst“ bis hin zu: „Was ist los?“
Aber Lutetia sah ihn an und fragte: „Wo?“
George drehte sich wortlos um und ging voran. Er schob ein kleines Paneel in der Wandverkleidung zur Seite und kletterte in das Loch dahinter.
Der Boden unter der Stadt war von Geheimgängen durchzogen wie ein Apfel vom Wurm und George einer der wenigen, der sie alle kannte. Lutetia folgte ihm blind - George fand sich selbst in völliger Dunkelheit in diesem Labyrinth zurecht; Lutetia brauchte etwas Licht und die Karte, die sie sich angefertigt hatte. Aber diesmal kannte sie den Weg und das Ziel. Minuten später standen sie im Krematorium.
Elmar Norrington lag im offenen Sarg. Im Gegensatz zu eben hatte er keine Schuhe und keinen Anzug mehr an und trug auch sonst nichts mehr, was im Grab keinen Nutzen brachte. Aber das war es nicht, was George aufregte.
„Hatte er eine Herz-OP?“
„Post mortem. Die Wundränder hier“, George fuhr mit dem Finger die Linie des dreißig Zentimeter langen Schnitts entlang, mit dem der Brustkorb geöffnet worden war, „haben nicht ansatzweise begonnen zu heilen. Und er hatte noch fast sein gesamtes Blut im Körper.“ Lutetia vermied zu fragen, wie George das herausgefunden hatte.
„Die Wunde hat also kaum geblutet.“
„Kein Wunder, wenn er schon tot war.“
„Eine Obduktion?“
George schüttelte den Kopf. „Natürliche Todesursache.“
„Und was soll dann dieser Schnitt?“
George hob die Schultern. „Ich hab noch nicht nachgesehen.“
„Aha.“ Lutetia seufzte. Und krempelte die Ärmel hoch. (...)



Rezension folgt ... (Anmerkung des Salons: Ich freu mich drauf!)



Über den Autor
Matthias Czarnetzki begann als Banker, wurde Journalist und studierte Informatik, bevor er feststellte, dass Schriftsteller mehrere Leben führen können, aber nur für eins Steuern zahlen müssen. Er ist unabhängiger Autor und unterstützt andere Indie-Autoren dabei, den gleichen Respekt zu erlangen wie Indie-Musiker und Indie-Filmemacher, so dass sie ihren traditionell verlegten Kollegen in nichts nachstehen.



Matthias Czarnetzki, Lutetia Stubbs: Herz aus Stein

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