Salon

Salon

Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

13. März 2013

Betty Kay, Mystic Wings - Ein mörderisches Geschenk: Erstes Buch




Als Jordan Hensen von einem Verrückten bedroht wird, muss sie sich dem Geheimnis stellen, das sie seit neun Jahren mit sich herumträgt. Sie findet heraus, dass sie in großer Gefahr schwebt, und bittet die Polizei um Hilfe. Lieutenant Charly Baxter soll die junge Frau beschützen, doch die macht es ihm mit ihrer Sturheit nicht leicht. Wer ist der ominöse Bedroher? Für Charly beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.







Leseprobe

1. Kapitel

New York
Dienstag, 3. September 2002

„Aufhören. Bitte.“ Wimmernd versuchte Karl seinen Kopf vor den Schlägen zu schützen, die unablässig auf ihn herabprasselten.
Er befand sich in einer dunklen Gasse, in die ihm sein Angreifer mit den auffälligen blonden Haaren gefolgt war, als er spät abends auf dem Weg zu seinem Wagen gewesen war.
„Das hat nichts mit dir zu tun“, erklärte der Mann über Karl gebeugt. „Es ist  nur ein Auftrag. Das hast du dir selbst eingebrockt. Nur ein Auftrag … ein Auftrag wie die andere Sache.“ Plötzlich nahm die Intensität der Schläge ab, und die Stimme wurde zu einem Flüstern. Offenbar war der Angreifer mit den Gedanken woanders.
„Noch ahnst du nicht, dass ich bald zu dir komme, meine Kleine. Du hast dir Feinde gemacht, die dir nichts Gutes wollen. Womit hast du sie nur so provoziert, dass sie mich zu dir schicken?“
Auch wenn er benommen war, so war dem Mann am Boden klar, dass der Irre nicht mit ihm sprach. Der neue Tonfall ängstigte ihn mehr, als es die Schläge vermocht hatten. Das Gesagte klang beinahe zärtlich.
Der Blonde wollte ihn nicht töten, sonst hätte er das längst schon getan. Andere hatten weniger Glück gehabt. Dass der Schläger zu einem Mord fähig war, erkannte Karl an dessen Blick. Auch mit der Person, mit der er im Geiste wohl gerade sprach, hatte er eindeutig Schlimmes vor. Weshalb man ihm den Schläger auf den Hals gehetzt hatte, wusste Karl. Er hatte sich Geld bei den falschen Leuten geliehen. Aber er konnte nichts dafür, dass er danach seinen Job verloren hatte und die Raten jetzt nicht mehr rechtzeitig zahlen konnte. Es war einfach nicht fair. Karl versuchte, davon zu robben - und hörte eine Rippe brechen.
Der Schläger fuhr mit seiner Rede fort. „Keiner versteht dich. Dieser Schlappschwanz ist einfach nur überheblich. Er sieht nicht, dass du etwas Besonderes bist, dass dein Schicksal etwas Anderes für dich vorgesehen hat. Aber ich tue es. Du und ich, wir werden ein unschlagbares Gespann.“ Ein unheimliches Lächeln umspielte seine Lippen.
Dann versetzte er seinem Opfer einen Tritt. „Allerdings werden du und ich wohl keine Freunde werden, Karl. Ich glaube kaum, dass dir diese Behandlung gefällt. Oder bist du etwa ein Masochist?“, feixte er. Mit den Fäusten schlug er wiederholt auf den Mann ein, um ihn schließlich regungslos am Boden liegend zurückzulassen.
Sein Opfer blickte ihm stöhnend und mit zugeschwollenen Augen hinterher. Diese verdammte Spielsucht. Gleich morgen würde Karl seinen Bruder fragen, ob er ihm nicht das Geld leihen konnte. Doch vorher musste er wohl ins Krankenhaus.



2. Kapitel

Dienstag, 24. September 2002
Es war ein großes Paket, ungefähr einen halben Meter hoch und einen halben Meter breit. Eigentlich zu auffällig, um es zu übersehen. Trotzdem wäre Jordan fast darüber gestolpert, als sie das Haus verließ.
Es stand direkt vor ihrer Tür. Während sie noch nach ihrem Hausschlüssel kramte, um die Türe abzuschließen, bemerkte sie es im Augenwinkel. Überrascht begutachtete sie das Paket und wunderte sich über das rosafarbene Papier und die rote Schleife. Als nächstes fiel ihr auf, dass der Absender fehlte. Sehr seltsam. Der Karton wirkte wie das überdimensionale Geburtstagsgeschenk für ein Mädchen im Kindergartenalter. Und zu dieser Generation gehörte sie eindeutig nicht mehr.
Wem konnte es gehören? In ihrer Straße gab es keine kleinen Kinder. Die Frau mit den strahlend dunkelblauen Augen hatte ihr Zuhause auch bewusst so gewählt. Nicht, dass sie keine Kinder mögen würde. Allerdings verunsicherten Kinder sie, weil die ihre Gedanken sofort und laut von sich gaben. Da war es schon besser, wenn sie sich entscheiden konnte, ob sie sich in ihr Gegenüber hineinversetzen wollte oder nicht.
Jordan blickte kurz auf die Uhr. Sie hatte noch ein wenig Zeit, bevor sie zu ihrem Interview musste. Am besten, sie versuchte den wahren Empfänger gleich ausfindig zu machen.
Vorsichtig hob sie das Paket hoch, um es von allen Seiten zu betrachten. Es war schwerer als erwartet. Da bemerkte sie eine kleine Karte, die seitlich am Geschenkpapier angebracht war. Es handelte sich um eine kurze Nachricht, nicht mehr als zehn Worte: „Mit großer Verehrung für ihren journalistischen Spürsinn an J.D. Hensen.“
Anscheinend war das Paket doch für sie gedacht. Sie würde es nicht hier draußen öffnen. Vielleicht war es ein Scherz von einem ihrer Freunde. Da wusste man nie, was einen erwartete.
Sie ging zurück ins Haus und zog den Schlüssel innen aus dem Schloss. Hier war er! Eigentlich hatte sie gedacht, sie hätte ihn in die Tasche gesteckt. Irgendwann würde sie wohl noch ihren Kopf irgendwo vergessen. Jetzt war sie allerdings zu neugierig auf den Inhalt des Pakets, um noch weiter über ihre Schusseligkeit nachzudenken.
Im Haus wandte sie sich gleich nach links ins Esszimmer. Der Tisch dort war höher als der Couchtisch – sie wollte sich gar nicht erst setzen. Ungeduldig zerrte sie an der Schleife, die das Paket umgab, und riss das Papier mit einem Ruck ab. Dann hob sie den Deckel an.
Als sie in den Karton blickte, entwich ein entsetztes Stöhnen ihrer Brust. Schockiert wich sie zurück. In dem Karton war der blutverschmierte Kopf einer Frau.
Selbst totenblass presste sie sich die Hand auf den Mund, um nicht laut zu schreien. Jordan atmete ein paar Mal tief durch. Trotz ihres Berufs als Journalistin war sie den Anblick von Blut nicht gewohnt. Zwar hatte sie mit einem Kollegen über zwei, drei Mordfälle berichtet – allerdings hatte sie dafür nur Zeugenaussagen und Polizeiberichte lesen müssen. Noch nie aber war die Tat – oder gar der Täter – so nah an sie herangerückt.
Allmählich erwachte ihre journalistische Neugier. Das war die Chance, auf die sie seit Jahren gewartet hatte. Mit der Story, die möglicherweise dahinter steckte, könnte ihr endlich der Durchbruch gelingen.
Sie trat wieder näher an den Karton. Vermutlich sollte sie ihn so wenig wie möglich berühren, um keine Spuren zu verwischen. Aber ihre Fingerabdrücke waren nun mal bereits auf dem Papier. Es konnte nicht schaden, sich den Kopf genauer anzusehen. Immerhin wollte ihr jemand damit eine Nachricht übermitteln.
In der Küche suchte sie nach einem scharfen Messer und bemühte sich dann, eine Seite des Kartons aufzuschneiden, ohne viel zu beschädigen. Als sie endlich einen Blick auf das Gesicht werfen konnte, schnappte sie überrascht nach Luft.
Das war unmöglich.
Es war, als würde sie in den Spiegel blicken. Niemand konnte ihr derart ähnlich sehen. Nun bemerkte sie auch, dass irgendetwas an den Augen seltsam war. Vorsichtig befühlte sie den Kopf und fand ihren Verdacht bestätigt: Das Ding war nicht echt. Es war zwar wirklich gut gemacht. Aber es war unecht.
Erleichtert lachte sie auf und schüttelte über sich selbst den Kopf. Was hatte sie denn erwartet? Dass sie mit einer ihrer Geschichten so viel Aufmerksamkeit erregt hatte, dass ein Mörder sie als Sprachrohr nutzen wollte? Einfach lächerlich.
Mist. Ein kurzer Blick auf ihre Uhr bestätigte ihre Befürchtung. Sie würde zu spät zu ihrem Interview mit Roger Wellfield kommen. Um die Entsorgung des Kopfes musste sie sich also später kümmern.

„Was versuchst du mich hier glauben lassen? Dass dir jemand einen Plastik-Kopf geschickt hat, der genauso aussieht wie du?“
Jordans Augen blitzten amüsiert. Ihr bester Freund Bruce lümmelte neben ihr  auf der Couch in seinem Wohnzimmer herum und boxte sie leicht in die Schulter.
„Du brauchst dich nicht über mich lustig zu machen, weil ich kurzzeitig dachte, er wäre echt. Dann steckst du also nicht dahinter?“
Bruce schüttelte den Kopf. „Nein, ganz bestimmt nicht.“ Seine Miene blieb ernst, was eigentlich untypisch für ihn war. „Ich finde es schon beängstigend, dass sich jemand solche Mühe macht, dich zu erschrecken. Da muss ganz schön viel Aufwand dahinter stecken.“
„Hey, was ist los mit dir? Du bist doch sonst nicht so ängstlich. Irgendjemand wollte mir eins auswischen. Was soll’s?“ Unbekümmert warf sie die brünetten, schulterlangen Haare nach hinten.
Bruce nippte an seinem Glas Wein. „Mir fallen ein paar Fragen dazu ein. Wie konnte der Kerl ein Modell von deinem Gesicht herstellen? Wo hat er das Teil in Kunststoff gießen lassen? Wieso ist er dermaßen von dir besessen? Er muss ziemlich viel Zeit und Geld in diesen Scherz investiert haben.“
„Vielleicht hast du Recht, was die finanziellen Mittel betrifft“, gab Jordan zu. „Aber ich kenne niemanden, der solche Möglichkeiten hat.“
„Genau das macht mir ja Angst. Du solltest die Geschichte nicht einfach so abtun. Hast du schon mal darüber nachgedacht, die Gedanken der Person zu lesen, die dir das Geschenk gemacht hat?“
Sie schüttelte widerwillig den Kopf. „Du weißt doch, dass ich das nicht mache. Es gefällt mir nicht.“
„Das erste und letzte Mal, als du die Gedanken eines Psychopathen aufgefangen hast, wollte dir niemand glauben. Aber das wäre jetzt anders.“
Jordans Gesichtsausdruck wurde bitter. „Ich werde die Blicke meiner Eltern nie vergessen, als ich ihnen davon erzählt habe. Dieses Kapitel meines Lebens möchte ich nicht wieder aufschlagen.“
„Schon gut. Wir müssen trotzdem herausfinden, wer dermaßen interessiert an deinem Köpfchen ist.“ In diesem Moment läutete es an der Wohnungstür, und Bruce öffnete, um seinen letzten Gast einzulassen. „Da bist du ja endlich“, empfing er Selina und küsste sie auf beide Wangen.
„Der Verkehr war wieder mörderisch.“ Sie folgte ihm ins Wohnzimmer und begrüßte auch Jordan. „Wie ich sehe, seid ihr schon auf dem besten Weg, euch zu betrinken. Gibt es einen Anlass?“
„Das kann man wohl sagen“, begann Bruce, bevor Jordan ihm zuvorkommen konnte. „Jordan hat jemanden derart verärgert, dass er sich gezwungen sah, einen abgetrennten Kopf mit ihren Gesichtszügen vor ihrer Tür abzustellen.“
„Der Kopf ist aus Kunststoff und war in einem mit Geschenkpapier verpackten Karton“, sagte Jordan und erzählte ihrer Freundin auch den Rest. „Das Ganze regt Bruce fürchterlich auf.“
Selina setzte sich. „Das kann ich verstehen. Was willst du jetzt machen? Gehst du zur Polizei?“
„Ich dachte, wenigstens du bleibst cool. Was soll ich denn bei der Polizei sagen? Entschuldigung, ich habe meinen Kopf gefunden?! Die können auch nichts anderes tun, als meine Geschichte zu Protokoll nehmen und abwarten, ob mich vielleicht jemand umbringt.“
„Mit so was macht man keine Scherze, Jordan.“ Selina wandte sich an Bruce. „Wir werden morgen ein paar Erkundigungen einholen. Es kann nicht viele Läden geben, die solche Modelle herstellen. Vielleicht ist Jordan bis dahin vernünftig geworden und hilft uns. Schließlich ist sie die Journalistin.“ (...)

7. Kapitel

Es war kurz vor neun, als es bei ihr klingelte. Misstrauisch ging Jordan Richtung Tür. Es konnte nicht ihr Verfolger sein, denn der würde wohl kaum läuten, wenn er käme, um sie zu töten. Oder wollte er sich unter einem Vorwand bei ihr einschleichen?
Sie schob die kleine Klappe beiseite und blickte durch den Spion. Der Mann, der vor ihrer Tür stand, trug einen eleganten Anzug und einen langen, weißen Schal. Der wilde, unbezähmbarer Ausdruck in dem kantigen Gesicht, die kurzen schwarzen Haare und die dunklen Augen erinnerten an einen Südosteuropäer. Komisch. Und in diesem Aufzug hätte Jordan ihn sich auch gut in einer Zirkusmanege vorstellen können. Es fehlte nur mehr der Zylinder. „Ja, bitte?“ Sie würde auf jeden Fall vorsichtig sein.
„Lieutenant Baxter.“ Er hielt seine Dienstmarke vor die Linse.
„Das wurde auch Zeit“, murmelte sie, nachdem sie sich die Marke genau angesehen hatte. Sie kannte diese Dinger noch genau aus der Zeit, als sie für ihre Recherchen noch von Polizeistation zu Polizeistation getingelt war. Allerdings hatte sie nicht mehr damit gerechnet, dass heute noch jemand sie aufsuchen würde. Konnte sie diesem seltsam gekleideten Mann trauen? Wenn der Verrückte, der sie bedrohte, als Polizist bei ihr auftauchen würde, hätte er bestimmt eine andere Verkleidung gewählt. Paradoxerweise sprach gerade sein unglaubwürdiger Aufzug für seine Ehrlichkeit. Also schloss sie auf und öffnete die Tür.
Verblüfft starrte ihr Gegenüber sie an, als wäre sie ein Wesen von einem anderen Stern. „Miss Hensen?“
„Ja, natürlich.“ Da erst wurde ihr bewusst, dass auch sie in ihrem Bademantel und mit der Gurkenmaske im Gesicht eine seltsame Erscheinung abgeben musste. Um sich abzuregen, hatte sie ihre normalerweise entspannend wirkenden Schönheitsrituale zelebriert. „Tut mir leid. Ich kann mir das Zeug erst in zehn Minuten abwaschen. Ich habe nicht erwartet, dass so spät noch jemand kommt. Aber bitte, treten Sie ein.“ Ihre Stimme klang schrill. Offenbar war der Versuch, sich zu entspannen, gescheitert.
Unsicher nahm Charly Baxter seine große Tasche hoch, machte ein paar Schritte hinein und sah sich um. Von dem engen Vorraum mit der Treppe ins Obergeschoß waren sie in ein helles Wohnzimmer gelangt. Zu ihrer Linken führten zwei Türen in das angrenzende Esszimmer und die Küche. Direkt vor sich sah er hinter einer halb offenen Tür das Badezimmer.
Die große Fensterfront in seinem Rücken ließ sicher eine Menge Tageslicht ein. Jetzt wirkte sie jedoch eher wie eine düstere Wand, hinter der die Straße vor dem Haus nicht mehr zu erkennen war. Auf dem hellen Parkettboden lagen zwei Teppiche. Das Zimmer wurde nur geringfügig optisch verkleinert, denn lediglich vereinzelte Schränke und Kommoden boten Stauraum. Alles in allem war das ein Raum, in dem er sich durchaus wohl fühlen könnte.
„Nehmen Sie doch Platz.“ Jordan deutete auf eine gemütlich wirkende Sitzecke.
(...)






Die Autorin
Betty Kay ist das Pseudonym von Bettina Kiraly. Geboren 1979 als Bettina Slaby wuchs sie in einem kleinen Ort im Bezirk Hollabrunn in Niederösterreich auf und lebt hier noch immer mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern.

Verbrechen lernte sie von der anderen Seite des Gesetzes bei der Arbeit in einem Rechtsan­waltsbüro sowie in einem Notariat kennen. Fasziniert von den dunklen Flecken auf der menschlichen Seele beschäftigen sich ihre Texte mit der Psyche der Hauptpersonen ihrer Geschichten. Seit 1.1.2010 ist sie Mitglied der Künstlervereinigung ART Schmidatal.

2010 erschien ihre Kurzgeschichtensammlung „In Arbeit“ im Testudoverlag Ute Winkler, auch erhältlich als e-book von Satzweiss. 2011 veröffentlichte sie die überarbeitete Version der vierteiligen Krimireihe „Mystic Wings“ als e-book und print-book. Der erste Teil „Mystic Wings - Ein mörderisches Geschenk“ wurde 2012 auch als Hörbuch vom thono-audio-verlag vertont. Eine von Bettina Kiralys Kurzgeschichten wurde 2012 in der Kurzgeschichten­sammlung „UN(D)-PATHO-LOGISCHES“ im Buchverlag Krefeld veröffentlicht. Gerade erschien einer ihrer Geschichten in der Anthologie „FrühlingsErwachen“. Im Moment arbeitet Bettina Kiraly an diversen neuen Projekten. Informationen darüber sind auf der Autorenhomepage www.betty-kay.at zu finden.


Betty Kay, Mystic Wings - Ein mörderisches Geschenk: Erstes Buch


eBook, Taschenbuch und Hörbuch bei Amazon

Keine Kommentare: