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3. Oktober 2013

Karin Büchel, Gestern noch verschollen


Gestern war noch alles anders. Und heute?

Warum um alles in der Welt durfte Helene erst mit 51 Jahren erfahren, dass sie einen Onkel im fernen Kanada hat? Einen Onkel, den sie so sehr gebraucht hätte: als kleines Kind zum Spielen, als Teenager in ihrer Sturm- und Drangzeit und als Frau, die weise Ratschläge brauchte.

Aber nun hatte sie ihn ja und sie schrieb ihm ihr Leben in Briefen.

Viele Briefe! Warmherzige, lebhafte, wütende, traurige und Hilfe suchende Briefe.

Doch warum bekam sie keine Antwort? Warum nur ...?



Leseprobe

Prolog

Gestern war noch alles anders. Gestern hatte ich noch keine Ahnung, dass es dich wirklich gibt, verschollen im Nirwana, wie ich dachte und heute?

Heute ist alles anders und ich stelle die Seifenblasenfrage:

Warum?

Warum um alles in der Welt durfte ich erst jetzt, mit 51 Jahren erfahren, dass ich einen Onkel habe, einen Onkel Joe, der im fernen Kanada lebt? Weit weg von mir. Zu weit weg, um ihn  mal kurz zu besuchen und ihn zu umarmen.

Und doch gibt es ihn: Meinen Onkel Joe!

Oh - wie sehr hätte ich ihn gebraucht in meinem Leben: Als Kind zum Spielen oder als Teenager, der in der Sturm - und Drangzeit einen ruhenden Pol suchte  oder als Frau, die weise Ratschläge brauchte.

Aber das Schicksal wollte es anders. Erst nach Papas Tod fand ich einen Hinweis in dessen Papieren, dass er einen Halbbruder in Kanada hat. Eben besagten Onkel Joe. Sein Geburtsname war Johannes Edmund Heinemann und er wurde als kleines Kind verschickt. Damals, als die Wirren des Krieges anfingen. Verschickt nach Bayern. Dort nahm ihn eine nette Familie auf und kümmerte sich liebevoll um ihn.

Doch diese Familie hatte ihre Wurzeln in Kanada und so war es nicht verwunderlich, dass sie gesetzeswidrig den kleinen Johannes mit in die tiefen Wälder von Kanada nahm. Dahin, wo ihn seine wirkliche Familie niemals finden würde, nämlich in den abseits gelegenen  Ort Winisk, einer kleinen Geisterstadt im Norden von Ontario, gelegen am Winisk River und weit weg von Deutschland, wo gerade der zweite Weltkrieg sein Unwesen trieb. An einen Ort, wo ihn seine wirkliche Familie niemals finden würde. An einen Ort, wo das Leben seine eigenen Gesetze hatte.

Da mein Papa noch elf weitere Geschwister sein Eigen nennen konnte, suchten seine Eltern auch gar nicht so lange nach ihrem verschickten Sohn. Sie akzeptierten sein Verschwinden in der Hoffnung, ihm würde es besser gehen als ihnen, die um ihr Leben und jedes Stückchen Brot kämpfen mussten.

Ja und nach Papas Tod fand ich nun die Geburtsurkunde von Johannes Edmund Heinemann.

Im Zeichen des Internets und den dadurch bestehenden Möglichkeiten war es kein allzu großes Problem für mich, ihn ausfindig zu machen.

Seit dieser Zeit schreibe ich Onkel Joe.

Mein Leben in Briefen. Viele habe ich schon geschrieben, sehr viele und nur einen einzigen Brief von ihm bekommen.

Lieber Onkel Joe! - Warum nur einen Brief?



Deine Helene

Peng! -  19.Dezember 1962

Lieber Onkel Joe!



Es war soweit!

Mit aller Macht trampelte ich mit meinen kleinen Füßchen gegen die Bauchdecke. Ich wollte endlich meine Mama sehen. Gehört habe ich sie ja schon oft. Gespürt auch. Dann, wenn sie zärtlich über ihren Bauch streichelte und flüsterte: “Kleines Baby. Ich passe immer auf dich auf. Ich freue mich riesig auf dich.“

Oh je. Sollte ich mich wirklich freuen, in diese dunkle, kalte Welt der Menschen zu kommen?

Hier im Bauch meiner Mama war es toll. Ich konnte im warmen Fruchtwasser plantschen, mich bewegen, mit den Fäusten boxen, Grimassen schneiden, Daumen lutschen und schlafen wann immer ich wollte. Ich brauchte mich an keine Regeln zu halten. Nein. Ich konnte machen was ich wollte.

Doch ich musste zugeben: Allmählich wurde der Platz hier etwas eng. Meine Beine ließen sich kaum noch ausstrecken und ständig trampelte ich herum. Mama schrie zwischenzeitlich vor Schmerzen auf. Es tat ihr wohl ordentlich weh, wenn ich in ihrem Bauch herum tobte.

Also: Es war Zeit für mich, diesen warmen und wohligen Platz zu verlassen. Und da ich mit gehörigem Temperament ausgestattet war, ließ ich kurzerhand die Fruchtwasserblase platzen.

Peng!

Welch ein Spaß.

Mein kleines Schwimmbecken leerte sich und ich spürte eine gewisse Hektik von Mama.

„Bleib doch ruhig“, versuchte ich zu rufen, aber keiner hörte mich.

Ich vernahm viele Stimmen, auch die meines Vaters, den man dann wohl aus dem Zimmer katapultierte. Anscheinend war ich im Kreißsaal, denn ich hörte die Anweisungen von Ärzten und Hebammen.

„Die sollen mich doch einfach mal machen lassen“, dachte ich und drückte gewaltig in Richtung Tunnel, denn dort musste ich durch. Das war mir klar.

Ich hörte Mama schreien, dabei wollte ich ihr doch gar nicht wehtun. Auf keinen Fall.

Ich hatte ja auch keine Waffen, keinen Stock, keine Zähne, noch nicht einmal eine Klingel, mit der ich meine Geburt ankündigen konnte. Nichts hatte ich, nur mich selber.

Aber das reichte. Ich drückte und schob und strampelte so lange, bis ich in das grelle Licht des Kreißsaales blickte.

Ich schrie!

Ich schrie so laut, dass mich eine Hebamme plötzlich an den Beinen packte, mich kopfüber hoch hielt und mir einen Klaps auf den Po gab.

Was für ein Schock!

Ich schrie noch lauter.

War so das Leben? Das Leben, auf das ich mich so sehr gefreut hatte? Ich blickte zu meiner Mama, doch die hatte die Augen geschlossen. War anscheinend etwas ausgelaugt und entkräftet von der Geburt. Das tat mir leid!

Das wollte ich nicht. Ich wollte einfach nur die Welt kennenlernen, von der ich die letzten Monate so viel erfahren hatte. Ich wollte meine Eltern kennenlernen und das Leben, und jetzt? Jetzt lag Mama da herum, Papa wurde informiert, dass ich da war. Denn er wollte sich die Geburt nicht antun, wie er sagte oder er konnte es nicht.

Und ich?

Ich wurde gewaschen, untersucht, gepiekst, gemessen und dann endlich in ein warmes Tuch eingewickelt.

Rosa! Also war ich ein Mädchen. Ich bekam ein Armband an mein rechtes Handgelenk befestigt. Darauf stand: Helene. Mein Name, wie ich augenblicklich erfuhr, denn alle redeten mich sogleich so an.

Helene!

Eigentlich ein schöner Name. Er kam aus dem griechischen, von Helena und bedeutete „strahlend, leuchtend“. Was wollte ich eigentlich mehr? Ich schloss zufrieden meine Augen. Die Geburt war ein bisschen anstrengend, auch für mich und ich wollte jetzt schlafen.

Nur schlafen.

Deine Helene

Eiszapfenzeit

Lieber Onkel Joe!

An den Tag meiner Geburt kann ich mich noch sehr gut erinnern, denn es war ein eiskalter Tag. Die Eiszapfen hingen am Dach des gegenüberstehenden Hauses und an den Fensterscheiben des Nachbargebäudes waren Eisblumen der besonderen Art zu sehen.

Bei mir im Zimmer war es mollig warm, richtig kuschelig. Ich wollte es mir gerade in meinem kleinen Bettchen etwas bequem machen, schließlich ist so eine Geburt kein Zuckerschlecken, da nahm mich auch schon eine Krankenschwester auf den Arm und verpasste mir eine neue Windel.

Danach durfte ich wieder in mein Bettchen, nur mit dem Unterschied, das man mich nun in ein Babyzimmer schob, in dem viele Babys nebeneinander lagen und teilweise fürchterlich herum schrien.

Ein Lärm war das, unglaublich.

Da ich absolut keine Lust hatte mit zu schreien, nahm ich mein rechtes Händchen und steckte den Daumen in den Mund.

Ein schönes und beruhigendes Gefühl war das. Ich genoss es, bis ich die kleine Fensterscheibe erblickte.

Dort standen sie, die frisch gebackenen Vatis, Opis, Omis, Onkels und Tanten. Alle bestaunten uns Babys und viele zeigten mit dem Finger auf mich. „Schau mal, die Kleine dort. Die hat schon ihren Daumen im Mund. Oh, wie niedlich. Eine ganz Schlaue.“

Ich verzog mein Gesicht zu einem Grinsen. Anscheinend konnte ich etwas, was die anderen Babys nicht konnten.
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Meinen Papa habe ich an diesem Tag auch einmal kurz gesehen, durch die Scheibe. Er hörte gar nicht mehr auf zu lachen, so freute er sich. Später bekam ich mit, dass er  einige Schnäpse getrunken hatte. Auf mein Wohl und auf sein Wohl. Die Schwestern ließen ihn nicht zu uns Babys, weil sein Atem noch gehörig nach Alkohol stank.

Na ja, eben mein Papa.

Wie ich später erfuhr, habe ich es geschafft, genau an dem Tag auf die Welt zu kommen, an dem mein Papa auch Geburtstag hatte. Was für eine Planung!

Zwei an einem Tag.

Ja, Onkel Joe, so lag ich an diesem Tag etliche Stunden in diesem Kinderzimmer, bevor ich dann endlich zu meiner Mama gebracht wurde. Ihr ging es, auch einen Tag nach der Geburt, gar nicht gut, sie musste noch längere Zeit in der Klinik bleiben  und so durfte ich mein erstes Weihnachtsfest in meinem Leben auch dort  erleben.

Es war nicht schlecht, muss ich zugeben. Überall hatten die Krankenschwestern Weihnachtskugeln und Lametta aufgehängt, leise Weihnachtslieder wurden gespielt und jedes Baby bekam ein Päckchen, fein verschnürt in edlem Papier mit rosa oder blauer Schleife. Je nachdem, wer man war.

Klar meine Schleife war rosa und in dem Päckchen war allerlei Praktisches enthalten. Angefangen von einem Strampler, einem Hemdchen, einem Badetuch und einem rosafarbenen Schnuller. Aber den brauchte ich nicht, denn ich hatte ja meinen Daumen.

Ein paar Tage später lag ich in den Armen von Mama, als draußen das Neue Jahr mit einem atemberaubenden Feuerwerk begrüßt wurde. Das fand ich toll!

Endlich mal Leben in der Bude.

Deine Helene (...)



Rezension folgt ...




Die Autorin



Karin Büchel, geboren 19.12.1959 in Gelsenkirchen.

Seit vielen Jahren lebe ich mit meiner Familie (Mann und vier Kinder)  in Bonn-Beuel.

Ich bin Diplom-Pädagogin und arbeite mit körperlich und geistig behinderten Erwachsenen in Behindertenwerkstätten.

In meiner Freizeit schreibe ich Gedichte, Kurzgeschichten, Kriminalgeschichten und Romane.





Veröffentlichungen:

2011: Tierisches, Haikus & mehr (Lyrik)

2011: Meer & mehr (Kurzgeschichten und Gedichte)

2012: Einen Schritt langsamer (Taschenbuch)

2012: Beueler Kriminalgeschichten (Band I und Band II)

2013: Die Eisenhand (Gemeinschaftsroman: Lehner/Nröd/Büchel)

2013: Gestern noch verschollen (Taschenbuch)







Karin Büchel, Gestern noch verschollen


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