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30. Januar 2013

Andrea Weißerth, Das Irrlicht von Thaljádhim


Inhalt:
Auf einer kleinen Insel namens Bryher in Cornwall zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebt ein Mädchen namens Deidre Pharell. Schon immer hat sie das Gefühl gehabt, dass sie etwas Wichtigeres tun muss, als lediglich vorteilhaft verheiratet zu werden. Eines Tages gerät sie in einen dichten Nebel und findet sich in einer völlig fremden Welt wieder, die ihr doch seltsam vertraut scheint. Hier begegnet sie Pedriú, dem Zauberlehrling und Treshmor, dem Barden.
Gemeinsam machen sich die drei auf eine abenteuerliche Reise quer durch das Land Thaljádhim, gejagt von den Häschern des üblen Fürsten Malurs, der über das Nachbarreich Arak herrscht. Auf ihrem Weg treffen sie auf neue Verbündete, wie Terraeos, den Eremiten aus dem tiefen und ungemütlichen Dorkenwald und den kleinen, frechen Feuerelfen Filio, der immer das letzte Wort zu allem haben muss und ihnen mehr als einmal aus der Patsche hilft.
Eine alte Prophezeiung erzählt von zwei Mädchen aus einer anderen Welt, die dem Lande Erlösung bringen sollen und lenkt die Schritte der Freunde. Können sie der Weissagung trauen? Oder ist diese so genannte Prophezeiung ein Blendwerk und lediglich eine Täuschung des Fürsten Malurs?


Leseprobe:

Die Wahl des Zauberlehrlings für ein Nachtlager war fast perfekt. Die Lichtung wölbte sich wie ein Teller mit sanft abfallenden grasbewachsenen Hängen, und der See, der die Lichtung einst völlig ausgefüllt und sich in vielen Jahren zurückgezogen haben musste, blinzelte wie ein verträumtes Auge in den sternklaren Nachthimmel.
Mitten auf der Lichtung stand die größte Dorke des gesamten Waldes, ein mächtiger Koloss mit glatter, wie poliert wirkender Rinde. Ihr spärliches Blätterdach überschattete dennoch die ganze Lichtung mitsamt dem kleinen See, auf dem Sterne glitzerten und Mondstrahlen trieben. Der Rand der Lichtung war von dichtem Dornengestrüpp umgeben, durch das man sich nur mit Mühe und Not durchkämpfen konnte, was einen unüberhörbaren Lärm verursachte. Vorsichtig bahnten Pedriú und Treshmor der taumelnden Deidre einen Weg, sorgsam darauf achtend, den natürlichen Schutz der Dornen nicht zu zerstören. Arg zerkratzt standen sie endlich auf einem weichen Grasteppich und blickten prüfend auf die schlafende Umgebung.
„Diese Lichtung bietet genügend Schutz für die Nacht, und am See können wir unsere Wasservorräte erneuern,“ stellte Pedriú fest. Misstrauisch blickte er sich um. Er hätte schwören können, die Aura eines bekannten Geistes zu spüren... Irgendetwas beharrte darauf, dass in diesem Wald sich jemand aufhielt, der... der... ja, was? ...Pedriú schüttelte den Kopf über diesen Gedanken und ging zum See.
Nachdenklich blickte er in die dunklen Wasser, betrachtete den glasklaren Grund und seine eigenen Gesichtszüge - und sah sein Spiegelbild verschwimmen, sah vor seinem geistigen Auge ein anderes Spiegelbild aus dem Hintergrund hervortreten... das einer Frau, ein schmales, ovales Gesicht mit schwermütigen dunklen Augen und fließendem Haar, feine Hände, welche seltsame, wundersame Gebilde aus dem Wasser formten, adamantene Gebäude, kristalline Gegenstände, vor langer, langer Zeit...
Ein Blatt segelte auf den Weiher und ließ zitternde Silberkreise die Oberfläche durchlaufen - das Bild verschwand. Pedriú schüttelte wiederum den Kopf und füllte seine Lederflasche. Treshmor beobachtete ihn mit einem seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht.
Deidre lehnte sich dankbar gegen den festen, harzig duftenden Stamm des Baumes und atmete schwer. Ihr war schwindelig, und ihre Stirn brannte. Ein trockener Husten kratzte in ihrer Kehle; sie räusperte sich. Plötzlich vernahm sie ein feines Stimmchen.
„He du! Sperr sofort deine blinden Augen auf und sieh nach oben! Schneeeell!“ Das letzte Wort wurde gebrüllt. Zuerst dachte das kranke Mädchen, es hätte einen Wachtraum - nicht den ersten und gewiss auch nicht den letzten. Müde blickte Deidre herum und sah die anderen beim Wasserauffüllen am See. Das Stimmchen zeterte:
Bist du taub? Die großen Ohren sind wohl nur zur Verzierung da, wie? Typisch thalisch! Beeile dich, sonst bin ich gewesen!“ Was anderes blieb ihr übrig, als nach oben zu sehen? Doch als sie das Wesen im Spinnennetz sah, vergaß sie ihre Mattigkeit und stand, ungläubig blinzelnd, auf.
Im größten Spinnennetz mit der größten Spinne, die sie jemals gesehen hatte, zappelte etwas, das auf den ersten Blick wie ein verformtes Glühwürmchen aussah. Auf den zweiten aber... Deidre rieb sich die Augen, doch das Bild blieb gleich. Eine Elfe! Himmel, was denn noch alles? Zauberer, Weltenverschiebungen...und nun noch eine Elfe.
Drucilla hatte ihr von Trollen, Elfen, Gnomen und Zwergen allerhand fabelhafte Geschichten erzählt, und Deidre hatte sich oft zu Hause im Garten ausgemalt, wie gelassen sie auf die Ankunft eines solchen Wesens reagieren würde - aber ihre Stimme schien anders darüber zu denken. Die junge Frau öffnete mehrere Male den Mund, brachte jedoch keinen Ton heraus. Sie schloss die bebenden Lippen und sah den Elfen starr an, als hoffte sie, dadurch ihre Augen Lügen zu strafen. Ungerührt starrte der Kleine zurück.
„Ich weiß, ich bin eine große Schönheit, und den Blick von mir zu wenden ist schier unmöglich - aber könntest du dich endlich zur Hilfe aufraffen?“ nörgelte er und strampelte energisch, verzweifelte Blicke um sich werfend..
Er war nicht größer als Deidres Hand und hatte feine gezackte Flügel, welche, gelb in der Mitte, nach außen hin in ein tiefes Rot ausliefen. Seine Augen glühten wie Kerzenflammen, und der rote kecke Haarschopf war ein loderndes Feuer. Goldene Haut und leuchtend gelbe Bekleidung waren kaum auseinander zu halten, wären da nicht die leichten Verzierungen an Kragen und Ärmelaufschlägen gewesen. Ein leichter Schimmer von Licht und Wärme umgab seine feingliedrige Gestalt, doch schien er matt, ersterbend.
Deidre verkrampfte ihre Hände, holte tief Luft und rief: „Pedriú!“ Dann krümmte sie sich zusammen, als ein Hustenanfall sie beutelte und fiel schwer zu Boden. Der schmerzende Husten nahm kein Ende. Pedriú näherte sich hastig, gefolgt von Treshmor, der Deidre aufsetzte und ihr zu trinken gab. Mühsam sog sie das kühle Nass in sich.
„He, ihr Tölpel! Das ist die falsche Richtung für eine Rettung. Ich bin hier oben!“ Pedriú riss sich von Deidres Anblick los und sah nach oben. Ein ungläubiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ein Elf!“ Der Zauberlehrling rannte fort und kam nach ein paar Sekunden mit einem langen Ast zum Vorschein. Als er das Netz zerriss, plumpste der Elf in seine Arme, eingewickelt in einen kalten, klebrigen Kokon. Man hörte ein wütendes Zischen, als die riesige Spinne entdeckte, dass ihre Beute verschwunden war. Sie hangelte sich aus dem schützenden Astgeflecht in die Mitte ihres Netzes und fixierte den Zauberlehrling aus schwarzen Knopfaugen.
Schon wollte die etwa unterarmlange, bläulich-schwarz glänzende Spinne ihn angreifen, da hob Pedriú den Ast, zerstörte ihr Netz und schlug nach dem fliehenden Tier: ihr Biss war schmerzhaft, und ihr Gift brachte Thalíern ein heftiges Fieber. Betäubt fiel die Spinne herab - und floh dann in das nahe Gebüsch.
„Uff! Das wurde Zeit!“ seufzte der kleine, rot schimmernde Elf und strampelte sich aus dem Kokon heraus. Pedriú schüttelte den Kopf, ein ungläubiges Lächeln auf den Lippen.
„Ich dachte, Elfen seien vergangen vor langer Zeit...“
„Kleiner Irrtum. Das denkt ihr großen Tölpel nur, weil wir uns zurückziehen, wenn ihr einher getrampelt kommt. Außerdem leben wir Feuerelfen in den Feuerbergen - kein Ort für Thalíer. Dort wäre ich jetzt auch, wenn ich nicht auf der Durchreise hier eingefangen worden wäre.“ Der junge Mann musste wegen der kecken Art des Kleinen lächeln.
„Feuerberge… das klingt …wunderbar.“
„Ist es auch.“ Der Feuerelf begann, aufgeregt zu leuchten und erzählte mit schwärmerischer Stimme: „Ihr müsstet die Feurigen Springbrunnen sehen, die glühenden Tränen des Sísnurkirysk, die langsam zu Boden fließen oder hoch hinauf jubelnd in die dunklen Wolken schießen, leuchtenden Sternschnuppen und für einen Augenblick sogar den Dáridhaskh gleichen... der warme Wind, der die Brennende Stadt der Elfen sanft anhaucht und die tanzenden Rauchgeister, welche mit uns durch die Nacht zu den Heiligen Stätten gleiten...“ Der Elf schüttelte seufzend den Kopf und ließ traurig die Schultern hängen. „Es ist zu schön für meine erbärmlichen Worte, es zu beschreiben. Aber für Thalíer ist es eine tödliche Schönheit, das Meer Der Erdlichter mit eigenen Augen zu sehen...“ Schon allein die bloße Erinnerung belebte den Elfen sichtbar; sein Glühen wurde heller, verstärkte sich, und seine Stimme klang fest und keck.
„Wie heißt du, Elf?“ Pedriú hatte von diesem Augenblick an, da er den Kleinen so begeistert sprechen hörte, eine tiefe Zuneigung zu ihm gefasst.
„Fil-sí-kar’st-An-dorh, kurz Filio. Zu Euren Diensten. Wie es aussieht, stehe ich in Eurer Schuld. Diese widerlich große Restraspinne hat mich im Schlaf überrumpelt und mich mit ihrem heimtückischen Gift wehrlos gemacht - und ihr Panzer ist zu dick, als dass sie durch mein Feuer verwundbar wäre.“ Er schüttelte sich angeekelt und stieß die klebrigen Fäden in Pedriús Hand mit dem Fuß an. Pedriú ließ die glitschigen Spinnenfäden angewidert zu Boden fallen und sah besorgt zu Deidre hin, die gegen den Baum gebettet lag und schwer atmete. „Kannst du ihr irgendwie helfen?“ Filio sah sich Deidre genauer an, kreiste prüfend über ihr und kehrte dann zu Pedriú zurück.
„Sonnenfeuer! Das sieht böse aus“, meinte er schließlich und zuckte die Achseln. „Nein, da kann ich auch nicht helfen.“ Der Zauberlehrling wurde blass. Filio schien seinen Kummer zu spüren, denn er sah ihn mitfühlend an. Der Elf sah erst auf die unruhig schlafende Deidre, dann betrachtete er den niedergeschlagenen jungen Mann aus schlauen Augen.
„Ist sie deine Schwester? Du bist ja sehr besorgt...“
Pedriú wurde ärgerlich.
„Unsinn!“ fauchte er. Aber Filio grinste ihn bedeutend weniger ehrfürchtig als vorher an. Dann wurde seine Miene ernst.
„Tut mir Leid für dich.“
Pedriú lenkte ab: „Gibt es hier Khar’Jhenískh-Blätter, Sonnenmoos oder Voenilskh-Stengel , Filio?“
„Nein. Nichts was ihr für Grauen Husten oder Lungenentzündungen nehmen könntet, jedenfalls nicht hier,“ fügte der Elf hinzu. „Das nächste Heilkraut wächst tief im Wald, an geweihten Plätzen, die niemand betreten darf. Nur Angehörige des Alten Volkes dürfen das und auch von denen eigentlich nur die Alchara. Außerdem sind diese Plätze vor der Entdeckung durch Zauber geschützt.“
„Oh, Allmächtiger! Angehörige des ausgestorbenen Volkes...“ Pedriú hockte sich niedergeschlagen neben Deidre. Filio wollte noch etwas sagen, unterließ es aber. Schweigend sah er auf Pedriú, dann auf Deidre.
Treshmor hatte ein Feuer angezündet, das kaum rauchte, und saß im Schneidersitz neben der Kranken. Er hatte die Unterhaltung mitbekommen, aber er ließ sich nicht durch die ungewöhnlichen Ereignisse aus der Ruhe bringen - dazu war er viel zu tief in seinen eigenen düsteren Gedanken versunken, die mit einem See zusammenhingen - und mit Tod. Geistesabwesend strich seine Hand über die Harfe, und eine leise Tonfolge durcheilte die Luft. Schlaf senkte sich auf die Gefährten herab.
Der Elf setzte sich nach einer Weile in die Flammen und schlief. Einer nach dem anderen schlummerten Treshmor und Pedriú ebenfalls ein. Filio verbreitete auch im Schlaf ein gleichmäßiges, rotes Licht. Nur als er schlecht zu träumen begann, flackerte er in einem immer aufgeregteren Gelb und Orange. Er warf sich unruhig hin und her. Schließlich träumte er so wild, dass er mit einem Ruck erwachte. Er hatte geträumt, in den Myrtiodsee zu fallen... Er schüttelte sich bei der Erinnerung: wie gerne wäre er nun in den Feurigen Bergen, um sich wirklich wieder einmal richtig aufgewärmt zu fühlen! Aber dann hätte es niemand mehr in seiner Nähe ausgehalten, und sein Auftrag sinnlos.... er verbannte das Heimweh.
Es war tiefe, dunkle Nacht und nicht ein Strahl des bleichen Mondes drang durch das Blättergeflecht der Dorke, die ihre Äste schützend über Filio breitete. Er lag in der Asche, die nur noch leicht glimmte und ihn ein wenig an seine Heimat erinnerte. Als sich Filio aufmerksam umblickte, musste er lächeln. Die junge Frau hatte sich im Schlaf an Filios Retter gekuschelt und dieser hatte den Arm um sie gelegt, während der Ältere mit dem Rücken zu den Zweien lag. Was für ein friedvolles Bild. Aber warum hielt niemand Wache? Filio schüttelte tadelnd den Kopf. Der Dorkenwald war keineswegs harmlos...
Der Feuerelf reckte sich noch einmal und flog dann, so schnell es das Gewirr von Ästen und Blättern zuließ, als hell glühender Funke davon. Sein Licht beleuchtete das Dunkel nur spärlich, und wenn er heller glühte, so lief er Gefahr, den Wald in Brand zu stecken und so seinen Herrn zu erzürnen. Daher gab er acht, nicht wieder in eines der Netze der heimtückischen Restraspinne zu geraten, die ihre vorbei fliegenden Opfer mit einem durchsichtigen, klebrig-glitschigen Faden zu fangen pflegte und sie dann in ihrem Netz lebendig verspeiste.
Etwas raschelte im Gebüsch. Filio hielt neugierig inne und spähte in einen süß duftenden Herzanisstrauch. Glühende Augen leuchtenden auf, und ein Grollen erklang. Heißer Atem wehte Filio entgegen, und mit einem gewagten Satz brachte er sich aus der Reichweite des Dorkenluchses. Hinter ihm schnappten die Fänge der gefährlichen Raubkatze zu. Hastig wich er aus, da bissen die nadelscharfen Zähne ein zweites Mal zu, nur eine Haaresbreite von ihm entfernt. Dem Feuerelfen reichte das Spielchen mit der Wächterin Des Haines Der Flüsternden Blätter. Sie müsste doch eigentlich wissen, dass er ein Freund war.
Er drehte ihr eine lange Nase und pustete ihr einen Feuerball vor die Schnauze. Das große Tier jaulte erschreckt auf und verschwand mit einem langen Satz in der Dunkelheit.
Der Elf kicherte schadenfroh und huschte weiter. Er musste sich beeilen, um zu seinem Herrn zu kommen, bevor... Ha! Ein ekliges Spinnennetz! Er umging es vorsichtig. Nun kam er in die bewachte Region, die das Herz des Dorkenwaldes vor dem Zugriff des Bösen sicherte. Hier lebte der Eremit, Filios Herr.
Eine wachsame Stille herrschte hier, denn die Tiere und Pflanzen hielten Wache und lauschten nach Eindringlingen. Wie ein verirrter Funken tanzte Filios Licht durch die abwartende Dunkelheit, einsam und suchend. Der Elf wusste nicht zu sagen, wie viel Zeit verging. Entfernungen spielten im Dorkenwald keine Rolle. Wenn der Eremit es wünschte, so konnte man ihn nach wenigen Minuten erreichen, doch unerwünschte Eindringlinge konnten ebenso gut mehrere Wochen für die gleiche Strecke benötigen, ohne ihn zu finden; ja manchmal ohne aus dem Wald herauszukommen, wenn der Waldrand nur wenige Meter entfernt war.
Filio spürte die Präsenz des Eremiten schon aus großer Entfernung und flog rasch zu ihm. Der Eremit stand mitten im Wald zwischen allerlei fremdartigen, seltenen Gewächsen und sammelte Kräuter. Sanft berührte er ein schützend zusammengerolltes Blatt, welches sich unter seiner Berührung wohlig entfaltete. Eine winzige Blüte blinkte auf, mit einem kleinen Tautropfen wie mit einem Edelstein besetzt. Er lächelte liebevoll und erblickte beim Aufsehen den Feuerelfen. Freundlich grüßte er seinen kleinen Freund und Kundschafter.
„Filio. Was führte dich zu dieser Stunde hierher, und wer sind die Fremden an Aquatívhars See?“
Der Elf schwang sich auf die ausgestreckte Hand des großen Mannes, seltsamerweise ohne dass diese, wie sie es eigentlich hätte müssen, brannte.
„Ich weiß es nicht, Herr. Das Mädchen hat eine schwere Lungenentzündung oder zumindest Grauen Husten, der ältere Mann scheint eine Art umherziehender Barde zu sein, und der Jüngling rettete mir das Leben - er ist ein Feuerbändiger, Herr,“ meinte Filio nachdenklich. Der Einsiedler nickte langsam.
„Ja. Ich spüre die Kraft des Jungen. Sie scheinen friedlich... Filio?“ Filio leuchtete in einem aufmerksamen Orangerot.
„Sie werden angegriffen!“ schrie er. „Ich bin ihnen verpflichtet - ich muss ihnen helfen!“ und der Elf schoss aggressiv in Gelb leuchtend davon, eine Spur aus Funken wie eine Sternschnuppe hinterlassend.
„Filio, warte! Es wird ihnen geholfen werden!“ gebot der Eremit. Doch der Kleine war bereits verschwunden. Kopfschüttelnd folgte ihm sein Gebieter, um den Fremden zu helfen.
Aber er war beunruhigt. Die Feinde mussten etwas sehr Wichtiges vorhaben, wenn sie sich in den Dorkenwald wagten, denn es war bekannt, dass kein Feind im Dorkenwald toleriert wurde.
Was wollten sie nach all dieser Zeit?

Die ruhige Lichtung wurde Schauplatz eines mutigen und aussichtslosen Kampfes.
Fünf Häscher des Fürsten Malur standen in einem Halbkreis um Pedriú und Treshmor, die sich schützend vor Deidre aufgebaut hatten. Fünf weitere lagen tot auf dem Boden. Sie waren keine besonders talentierten Kämpfer gewesen und hatten sich von Pedriú und Treshmor durch Magie übertölpeln lassen. Ob noch mehr da waren, war allerdings fraglich.
Die anderen Häscher bewegten sich jedoch schnell, sehr schnell - und führten die Klinge mit einer unglaublichen Präzision und Eleganz. Beinahe wie schwarze Blitze tanzten sie mit komplizierten Schritten ihren grausigen Tanz...
Pedriú hielt einen Dolch in jeder Hand, und obwohl er wusste, dass es nicht viel helfen würde, war er nicht bereit, sich kampflos in sein Schicksal zu fügen. Treshmor hatte sein Schwert gezogen und versuchte, möglichst gefährlich auszusehen. Als Barde hatte er im Kämpfen kaum Erfahrung, aber ergeben würde auch er sich nicht. Zudem lag auf seinem Schwert ein Zauber, der den Bösen zusetzte. Deidre war bewusstlos.
Die Häscher ließen sich Zeit. Sie wussten, dass ihre Opfer nicht entkommen konnten. Die schwarzen Schwerter griffbereit, kamen sie immer näher, mit wiegenden, vorsichtigen Schritten. Plötzlich stürmten sie, wie auf ein Signal verabredet, auf das Trio zu.
Die Waffen klirrten, als sich drei auf Treshmor und zwei auf Pedriú warfen. Verzweifelt versuchte Pedriú, die schwarzen Kreaturen von der bewusstlosen Deidre abzuhalten. Der Ansturm der Schwarzen ließ ihn um einen Schritt zurückweichen, dann stand er wieder. Das Schwert des einen Häschers zuckte vor - Pedriú wich zurück, wehrte mit seiner Klinge gekonnt ab, streckte blitzschnell den Arm - stieß vorbei. Im selben Augenblick hieb er mit dem anderen Dolch nach dem zweiten Feind - dieser wich lässig zurück, das Schwert locker in der Hand.
Sie belauerten sich. Pedriús einer Gegner tänzelte gewandt um ihn herum und machte kleine Ausfälle und heimtückische Finten, reizte und forderte heraus wie ein eine Nadel schwingendes Insekt, um seine Schwachstelle herauszufinden. Sein Schwert schien überall und nirgends zu sein, schimmerte hier, blitzte kurz da, streifte, wurde abgewehrt... Keinen Augenblick ließ Pedriú ihn aus den Augen und wich der heimtückischen Klinge oft nur mit knapper Not aus. Doch der andere Häscher wartete seelenruhig darauf, dass der Anführer mit ihm fertig wurde. Plötzlich erkannte der junge Mann, dass der Schwarze nur mit ihm spielte! Sobald Pedriú ermüdete - und der Kampf somit uninteressant wurde -, würde sich auch der zweite Häscher auf ihn stürzen, um ihm den Garaus zu machen...
Wieder zuckte die gegnerische Klinge vor und ritzte Pedriús Hemd, einen heißen Schmerz auf der Haut zurücklassend. Eine oberflächliche Schnittwunde.
Er parierte mit seinem Langdolch und bemühte sich, das Schwert nach unten und dem anderen aus der Hand zu schlagen. Vergebens. Zornig zischte der Zauberlehrling, um sich gleich darauf mit bewundernswerter Schnelligkeit um sich selbst zu drehen. Sein Gegner war davon so überrascht, dass er mit dem erhobenen Schwert wie fest angewachsen stehen blieb. Mit einem feinen Singen beschrieb Pedriús Dolch einen blitzenden Kreis - und sauste auf das Schwert zu. Der heftige, Funken sprühende Aufprall schleuderte dem Schwarzen das Schwert aus der Hand und zwang ihn in die Knie. Aber sofort sprang er hinter der Waffe her. Seine ausgestreckten Finger schlossen sich um den Knauf - wie eine Klaue, die eine verhasste, aber dringend benötigte Droge umklammerte. Pedriú konnte ihn nicht am Aufheben des Schwertes hindern, denn der zweite Häscher war mit einer fließenden Bewegung an die Stelle seines Anführers getreten. Drohend hob er das Schwert.
Der Anführer rappelte sich auf und kam langsam auf die Kämpfenden zu. Sein von Binden verhülltes Gesicht verriet keine Gefühle, doch spürte der Zauberlehrling den Zorn und die Qual in dem Bewusstsein seines Gegenübers wie ein schwelendes, verzehrendes Feuer.
Abwartend umkreisten ihn die Feinde.
Treshmor keuchte und versuchte verbissen, einen gemeinen Schlag zu parieren, als ihn an seinem Schwertarm eine Klinge traf und sich tief in seinen Oberarm bohrte. Er schrie vor Schmerz auf und presste seine rechte Hand auf die heftig blutende Wunde, während er versuchte, trotz großer Erschöpfung auf den Beinen zu bleiben. Seine Taktik bestand weitgehend aus großflächigen, weit ausholenden Schwerthieben, mit denen er sich die Häscher vom Leibe halten wollte. Doch die Streiche wurden nach und nach immer weitschweifiger; es gelang ihm nicht mehr so gut, sich zu decken. Er hatte mit der Breitseite einer Klinge einen üblen Hieb über den Kopf erhalten. Seine Welt schien in einem Strudel aus wirren Bildern und zerhackten Bewegungen zu versinken. Ihm schwindelte.
Pedriú hatte inzwischen auch erheblich mehr Schwierigkeiten, sich gegen seine zwei Gegner zu behaupten. Er wurde langsam müde. Der Jüngling widmete seinem Angreifer zur Linken mehr Aufmerksamkeit. Mit einem geschickten Manöver schlug er seinem Gegner das Schwert aus der Hand, als ein jäher Schmerz durch seinen Oberschenkel fuhr und sich in ein Flammenmeer verwandelte. Sein anderer Gegner hatte den einen Moment der Unaufmerksamkeit ausgenutzt und Pedriú das Schwert tief in den Oberschenkel gebohrt. Plötzlich gab das verletzte Bein unter ihm nach, und er stürzte. Im letzten Moment gelang es ihm noch, sich auf sein anderes Bein zu stützen, so dass er in einer knienden Stellung weiterfocht.
Zwischen den Bäumen raste eine hellodernde Flamme im Zickzackkurs auf die Kämpfenden zu. Zwei der Häscher stürzten sich mit gezückten Schwertern auf die immer noch bewusstlose Deidre und wichen verwirrt zurück, als eine Flammenkugel sich vor ihnen aufbaute. Ausdruckslos musterten die Diener Malurs das lächerlich kleine Geschöpf, das sich ihnen in den Weg stellte.
„Ich glaube, ich muss euch Manieren beibringen,“ meinte Filio und hustete diskret. Funken stoben aus seinem Mund, fielen auf die Kleider der Diener des Dunklen Fürsten und setzten diese in Brand. Die Häscher heulten auf, versuchten erfolglos mit panischen Bewegungen die Flämmchen tot zu schlagen und torkelten in Flammen gehüllt zum See. Sie erreichten ihn nicht.
Der Boden verschlang sie einfach. Es sah aus, als wölbe sich ein Mund auf, dessen erdige, mit saftigem Gras bewachsene Lippen sich beinahe sanft um die Häscher schlossen, die in ihn hineingefallen waren. Dann glättete sich die Erde wieder, blieb unbewegt und ohne Falten. Es war das Unheimlichste, was Pedriú je gesehen hatte.
Dasselbe geschah mit den anderen drei Häschern, denen Pedriú und Treshmor immer noch verzweifelten Widerstand entgegen brachten, obwohl die beiden bereits aus mehreren tiefen Wunden bluteten und eigentlich keine Bedrohung für die Häscher darstellten. Gerade stürzten die Häscher auf sie zu, schlugen ihnen die Schwerter aus der Hand - da erzitterte die Erde. Die beiden Freunde stolperten, als vor ihnen ein Erdwall emporschoss, fühlten Gras über ihre erhitzten Gesichter streifen, doch nur für einen Moment - dann war vor ihnen nur glatter Boden, ohne Bruchstelle - ohne Häscher. Es wurde still im Wald.
Reglos und ungläubig starrten sie auf die Stellen, wo noch eben ihre Gegner gewesen waren. Sanft wogte dort in einem leichten Wind das hohe Gras. Niemand bemerkte den Eremiten, bis er schließlich vor Pedriú stand. Der Zauberlehrling blickte müde auf und musterte den hochgewachsenen Mann vor ihnen flüchtig, doch dessen Gesicht lag im Schatten einer großen Kapuze; und nur seine Augen waren wie eine prüfende, fragende Berührung zu spüren, als er die Eindringlinge betrachtete.
Der Fremde strahlte eine solche Ruhe aus, dass selbst die Luft um ihn herum zu schweigen schien. Seine Bewegungen waren sparsam, doch sicher und gelassen, wie ein hoher, kräftiger Baum, der im Winde sich leicht bewegt, doch nicht vom Sturm entwurzelt werden kann. Die bloße Anwesenheit dieses Fremden genügte, um Pedriús und Treshmors Gedanken zu beruhigen.
Der Zauberlehrling war zu erschöpft um Fragen zu stellen. Kurz blitzte die Frage in ihm auf, warum die Häscher ihnen ein so leichtes Spiel gemacht hatten, doch dann fühlte er sich nur noch müde und schwieg, während der Fremde die kleineren Wunden mit einer heilenden Salbe und ein paar Stofffetzen, die er aus seiner Ledertasche hervor kramte, versorgte.
„Friede sei Euch unter meinen Bäumen beschieden. Man nennt mich den Eremiten. Ich lebe hier. Kommt mit mir in mein Heim. Ihr habt Pflege nötig, besonders das Mädchen.“
Der Eremit band Pedriús Bein ab und strich eine bitter riechende Kräuterpaste auf ein großes Blatt, welches er auf die blutende Wunde legte. Sofort wurde der Schmerz zu einem dumpfen Pochen, wie wenn er aus weiter Ferne käme, und das Blut versiegte. Pedriú konnte sein Bein wieder belasten, wenn auch vorsichtig.
Nachdem er auch Treshmor notdürftig versorgt hatte, nahm der Eremit in seiner ruhigen, bestimmten Art Deidre auf die Arme und schritt mit ihr auf das Dickicht zu. Filio warf sich in die Brust.
„Na, was tätet ihr nur ohne mich!? Hätte ich nicht den Eremiten mitgebracht, wäre es um euch geschehen gewesen.“ Ohne ein Wort half Treshmor Pedriú auf die Beine und stützte ihn vorsichtig, als sie dem geheimnisvollen Mann folgten, welcher ohne ein Geräusch durch das dichte Unterholz schritt.
„Undank ist der Welten Lohn, wie das Alte Volk schon sagte. Ich rette euch vor dem sicheren Tod und das ist euer ganzer Dank? Nichts??“ zeterte Filio. „Aber ich bin es ja gewöhnt, wie Dreck behandelt zu werden“, winkte er ab. Nicht, dass mir das was ausmachte. Nein!“ Filio schüttelte übertrieben den Kopf. Aber er sprach bereits ins Leere. Leise vor sich hin brummend folgte der kleine Elf seinen neuen Freunden. (...)


Die Autorin
Geboren wurde ich in der Nähe von Straubing in Niederbayern im Jahre 1979. Doch lange hielt es meine Familie dort nicht. Durch den Beruf meines Vaters in der Bundeswehr sind wir alle Nase lang umgezogen und so habe ich schon an vielen Orten wie mitunter Hamburg, Den Haag in Holland, München, Berlin und auch Brüssel in Belgien gelebt. So wirklich zuhause angekommen bin ich nach insgesamt 13 Umzügen aber erst im Jahre 2011 im ostwestfälischen Verl, wo ich glücklich zusammen mit meinem Lebensgefährten lebe und mich rundherum wohl fühle. In der ländlichen Umgebung finde ich auch sehr viel Inspiration und Ruhe zum Schreiben.
Nach der Schule machte ich die Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin und ließ mich privat im klassischen Gesang mit Schwerpunkt Operngesang ausbilden. Später fand ich besonders großen Gefallen daran beide Ausbildungen miteinander zu verbinden, wie beim Klavierunterricht oder Musikpädagogischen Konzepten.
Meine Leidenschaft mit dem Schreiben fing schon recht früh an. Schon als Kind schrieb ich kleine fantastische Geschichten und lebte in meiner eigenen kleinen Welt. Mit sechzehn begann ich die Arbeit an meinem Erstlingswerk „Das Irrlicht von Thaljádhim“, welches jetzt zum ersten Mal als Taschenbuch und als Ebook erhältlich ist. Für die Zukunft habe ich nicht nur die Fortsetzung des Irrlichtromans, sondern auch noch ein Kinderbuch zum Thema Mobbing, sowie einen Urban Fantasy Roman in Arbeit.

Homepage: ist in Arbeit


Twitter: @AndreaWeißerth (Andrea Weißerth)



Andrea Weißerth, Das Irrlicht von Thaljádhim

eBook und Taschenbuch bei Amazon

28. Januar 2013

Hannah Siebern, Nubila – Das Erwachen


Wie jetzt?
Soll ich wirklich wieder über Vampire lesen, wie sie in Tausendschaften mit blutriefenden Lippen, dem derzeitigen Mainstream geschuldet, durch die Indie-Landschaften geistern,? Nun, ich habe es der Autorin zugesagt, eine Rezension zu ihrem Buch zu verfassen. Nun wird sie gleich lesen, was sie davon hat!

Merke:
1. Beiße niemals einen Menschen
2. Gehorche immer der Herrenrasse und
3. Verliebe dich auf gar keinen Fall, unter keinen Umständen in deinen Herrn.

Ist das Gesetz. Kathleen, eine Studentin, die sich romantisch in einem Wald verlobt, wird von der Tochter eines Warmblüters gebissen und in einen Kaltblüter verwandelt, während ihr Verlobter von einem Kaltblüter, der durch den Genuss von Menschenblut mutierte, getötet wird. Kathleen muss ab sofort als Sklavin ihren Herren, den Warmblütern, dienen.

Aber ja doch!
Obgleich das wirklich nicht mein Genre ist (und nie sein wird!) habe ich dieses Buch sehr gern gelesen. Wie genau die Autorin die beiden Vampirrassen beschreibt, überhaupt, die Idee, der Plot, der Verstrickungen, die Gefühlswelten, die ganze Welt, die sie erschaffen hat, ist voller Charme und hat mein Interesse.
Hannah Sieberns Prämisse: „Ein Geschichte über Rassentrennung, Vorurteile und den Wunsch nach Freiheit“ erfüllt sich einwandfrei in ihrem Roman.

Zu Beginn
hatte ich ein paar Probleme mit den Figuren, da die „Herren“ etwas zu dicht und dadurch verwirrend eingeführt werden, die Namen zu viele sind, aber danach werden die Figuren handfest gezeichnet, sehr lebendig, bildhaft und abwechslungsreich. Der Erzählstil, zu Beginn etwas holprig, zeigt sich später angenehm flüssig. Nicht hochkompliziert, was in diesem Genre ja auch unnötig wäre, es geht ums Erzählen einer interessanten Story, nicht mehr, nicht weniger.

Technisch habe ich kaum etwas auszusetzen, das eBook ist gut formatiert, gravierende „Hacker“ sind mir entweder nicht aufgefallen, weil mich die Geschichte verführt hat, oder weil es keine gibt.

Empfehlung für Freunde der Blutsauger!

Elsa Rieger



Leseprobe hier im SALON




Die Autorin
Hannah Siebern wurde 1986 in Münster (NRW) geboren und studiert an der Uni Dortmund Erziehungswissenschaften. Geschichten schrieb sie schon als Kind leidenschaftlich gerne. Ihre ersten Werke handelten von fiktiven Abenteuern, die sie mit ihren Freundinnen erlebte. Jahre später entdeckte sie dann ihre Liebe zu Fantasyromanen und schrieb mit 23 ihr erstes komplettes Buch.

Inzwischen lebt sie mit ihrem Freund, und ihrem Hund in Coesfeld (NRW), und arbeitet an ihrem Masterstudium genauso hart, wie an der Fortsetzung ihrer ersten drei Romanteile: Nubila-Das Erwachen, Nubila-Aufstand der Diener und Nubila-Familienbande.


Besuchen Sie Hannah Sieberns Autorenseite auf facebook unter
Oder die Homepage unter
http://www.nubila-roman.de/


Hannah Siebern, Nubila – Das Erwachen


24. Januar 2013

Margitta Luther, Mein Kinderheim: Eine Heimleiterin blickt zurück

Vorwort

Wer will das schon lesen; frage ich mich. Du konterst und schlägst vor, zu sagen, wer das lesen sollte.
Nun, ich will versuchen, die Problematik Heimerziehung gegenüber den leider gängigen zweifelnden Fragen, abwertenden Bemerkungen in die Beurteilung zu rücken, die sie verdient; und vielleicht so etwas wie einen „Aha- Effekt” zu erzielen.
Man kann nicht erwarten, dass die Leser wissen, was ein Kinderheim leistet. Es nimmt Kinder auf vorwiegend aus zerrütteten Familienverhältnissen. Sie fanden nicht die Geborgenheit und Anregung, die sie so dringend brauchten. Aus dieser Verlassenheit heraus zogen sie sich zurück, verweigerten die Kontakte, oder reagierten trotzig und aufmüpfig, liefen gar weg, lebten zum Teil auf der Straße oder in unsicheren Verhältnissen.
Dem neuen „Zuhause“, nämlich dem Heim, begegnen sie zunächst mit verständlichem Misstrauen; aber auch mit hohen Erwartungen.
Ich will darüber berichten, wie wir uns dieser komplizierten Problematik gestellt und ob und wie wir sie gemeistert haben in „meinem“ Kinderheim. Das ist keine wissenschaftliche Erörterung; hochtrabender Argumentation will ich mich enthalten. Ich werde einfach erzählen; und auch die Kinder selbst und meine Kollegen zu Wort kommen lassen. Der Leser soll sich einen Reim darauf machen.
Aber ich werde auch nicht die Schilderung der Umstände auslassen, unter denen wir uns bemüht haben. Heimerziehung ist ja vernetzt mit den verschiedensten Anspruchsgruppen. Das sind die Jugendämter; die Lehrer der Schulen, welche die Kinder besuchen; die Familien der Kinder, zu denen wir den Kontakt aufrecht erhalten oder wiederherzustellen versuchen; die Justizorgane, die gesellschaftliche Öffentlichkeit; und nicht zu vergessen die Träger der Einrichtung, von denen wir das Geld bekommen. Auf alle diese externen „Mitarbeiter“ sind wir angewiesen; und viel hängt von der Atmosphäre der Zusammenarbeit mit ihnen ab.
Für manchen Leser wird sicher von besonderem Interesse sein, ob und wie sich diese Einbindung im Verlaufe der Jahre verändert hat. Schließlich haben wir die politische Wende erlebt und als Einrichtung „überlebt“. Das war schon eine nahezu dramatische und abenteuerliche Zeit; hauptsächlich, was die Existenz unserer Einrichtung betrifft.
Trotz aller Unkenrufe und hochgespielten politisch-öffentlichen Aussagen hat sich allerdings unsere pädagogisch-inhaltliche Aufgabe wenig verändert. Ich bleibe davon überzeugt, dass Heimerziehung nur gelingen kann, wenn die Erzieher eine  Einstellung zu den Kindern haben, die von Zuwendung, Verständnis, Einfühlungsvermögen, Forderung und Achtung geprägt ist. Viel Geduld und hoher persönlicher Einsatz der Pädagoginnen und Pädagogen ist erforderlich, ehe sich der gewünschte Erfolg einstellt, nicht von Zauberhand , sondern durch das Freilegen von Kompetenzen der Kinder, die zuweilen verborgen liegen unter dem Schutt der vorangegangenen, mitunter unvorstellbaren Erfahrungen, die diese Kinder bereits machen mussten.
Von dieser berufsethischen Haltung sind wir in unserem Heim zu DDR-Zeiten ausgegangen; und wir haben sie beibehalten. Wir mussten dazu nicht aufgefordert werden, durch „moderne“ Auffassungen, die uns zur Kenntnis gebracht wurden. Ich hoffe, dass dieser eher „bruchlose“ Übergang in den Aussagen meiner Heimerzieherkollegen und der Kinder deutlich wird.

Ich schreibe dieses Buch in Gedanken an die Mädchen und Jungen, die im Laufe der Jahre in unserem Haus wohnten. Sie haben es ausgefüllt mit ihren Geschichten, mit ihrem Lachen und Weinen. Sie zeigten uns, dass es möglich ist, Schwierigkeiten zu bewältigen, an Selbstwertgefühl zu gewinnen, belastende biographische Erfahrungen zu verarbeiten. Sie bescherten uns ein vielgestaltiges Ineinander von Streit und Versöhnung, von Hänseleien und Verteidigung, von Nervenkrieg, Intrigen und Konflikten; kurz einen Kosmos von sozialen Beziehungen, durchsetzt von Momenten gelingender Freundschaft, guten Erlebnissen von Geborgenheit, Zusammenhalt, gemeinsamen Vorhaben, Sicherheit, Hoffnung und Zuversicht.
Möglicherweise gelingt es mir, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen, die es immer gab, wenn von Heimkindern die Rede war. Die meisten Kinder kamen und kommen mit erheblichen seelischen Verletzungen zu uns. Demütigungen und Isoliertsein kennen sie zur Genüge. Sie haben ihre eigene Strategie entwickelt, damit umzugehen, mit coolen Sprüchen, zur Schau getragener Gleichgültigkeit, Aggressivität. Doch wenn man genauer hinschaut, nimmt man die Traurigkeit und Hilflosigkeit in ihren Augen wahr, hervorgerufen durch permanente Verlustangst. Kinder, die in einem Heim leben, wollen kein Mitleid. Sie wollen geachtet und wahrgenommen werden wie andere Kinder auch. Ich denke dabei auch an viele Eltern und Großeltern, ohne deren Mithilfe so mancher Erfolg nicht möglich gewesen wäre.

Ich schreibe für unsere Freunde, die wir in den vergangenen Jahren hinter uns wussten, und die ihre Solidarität in schwierigen Zeiten mit uns bekundeten, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendämtern, die gemeinsam mit uns um die Kinder gerungen haben; aber vor allem für die Heimerzieher, die diesen Beruf ausüben, der wie wenig andere einen hohen, oft an die Grenze der Belastungen gehenden Einsatz erfordert. Sie nahmen für die Ausübung ihres Dienstes Entbehrungen in Kauf, überzeugten ihre Partner, ein Einsehen zu haben. Sie konnten sich zahlreicher gelungener erzieherischer Hilfen erfreuen, waren aber genauso bereit, Rückschläge als Chance zu begreifen.

Ich schreibe für die Menschen, die sich als wahrhaft kinderlieb erwiesen haben; für die Lehrerinnen und Lehrer, die mehr als das Nötige tun, für unseren Förderverein, der als Träger der Einrichtung den außergewöhnlichen Mut hatte, das Haus zu kaufen, mit der Absicht, es aus- und umzubauen, für die Firmen und Institutionen, die uns zur Seite standen bei der Bereitstellung von Lehrstellen für Jugendliche des Heimes und unsere Bemühungen unterstützten, besonders als es um “Sein oder Nichtsein” des Kinderheimes ging.
Ich denke dabei an die Kinder – und Jugendhilfe Neuhausen auf den Fildern und dessen Leiter, der seine Kollegen zur Mitarbeit in unserem Förderverein anregte. Die gegenseitigen Besuche, der Gedankenaustausch und der freundschaftliche Kontakt waren für beide Einrichtungen ein  Gewinn.

Leseprobe

Mein letzter Arbeitstag

Auf den letzten Arbeitstag bist du nicht wirklich eingestellt. Er lag immer in weiter Ferne, aber dann trifft er dich mit voller Wucht. Genau genommen war es ja kein Arbeitstag. Es war die Verabschiedung aus einem langen Berufsleben. Wie am ersten Tag raste mein Herz. Damals lief ich beschwingt und immer etwas erwartungsvoll in mein Büro. Heute war das schon etwas beschwerlicher. Es sind viele Jahre vergangen, seit ich die Leitung des. Kinder-und Jugendheimes übernahm, und die 20 Jahre vor dieser Zeit in einem Jugendwohnheim für Mädchen waren auch nicht von Pappe.
Du glaubst gar nicht, was dir alles als Erinnerung in den Kopf schießt an diesem letzten Tag. Zum Beispiel der Termin damals bei dem Schulrat. Er forderte mich auf, die Leitung des Kinder- und Jugendheimes in Limbach- Oberfrohna zu übernehmen. Ich bat mir nicht einmal Bedenkzeit aus, sondern sagte zu. Hatte ich mich überschätzt? Aus heutiger Sicht sage ich, ja sicher. Etwas Übermut spielte dabei schon eine Rolle, aber im Nachhinein meine ich, dass es die Kinder auch hätte schlimmer treffen können; mit einer anderen Person. Jedenfalls traute man mir diese Aufgabe zu, und es war, wie man heute sagt, eine spannende Herausforderung.
In seiner Abschiedsrede schilderte der Vereinsvorsitzende die vormalige Situation treffend: „Auf der einen Seite die Welt einreißen wollen, und auf der anderen Seite doch ein wenig Angst im Bauch. Es sind inzwischen 24 Jahre vergangen, und man könnte heute sagen, kein bisschen älter“.
Wer diesen Beruf ergreifen will, dem kann ich da nur zuraten. Er ist beschwerlich, in seiner Art nicht wie jeder andere, aber er erhält jung.

Es war Bilderbuchwetter an diesem letzten Tag. Ich war überwältigt von der Mühe, die sich meine Mitarbeiter und die Kinder gemacht hatten. Die Diele und der Speiseraum waren festlich hergerichtet, überall kleine runde Tische mit weißen Decken und Blumen, der Parkettboden blitzblank, im Speiseraum mehrere Sitzreihen für die Gäste, ein Rednerpult und ein Platz für den Chor der Pestalozzi- Schule. Diese Atmosphäre habe ich immer geliebt. So musste es sein, wenn es etwas zu feiern gab, seien es die Jugendweihen, Schul- bzw. Lehrabschlüsse, Weihnachtsfeiern mit unseren Freunden, Feste mit den Eltern, die gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen vorbereitet wurden. Es war wichtig, dass jeder seine Aufgabe hatte. Über gemeinsame Vorhaben kann man den einzelnen am ehesten  erreichen.
Als ich an das Rednerpult trat, drehte sich für einen Moment alles im Kreis, beinahe wäre es mit meiner Beherrschung vorbei gewesen. Ich schaute in die Runde und war überrascht, wer da alles gekommen war. Es waren die Mitglieder des Fördervereines, Vertreter der Jugendämter, Schulen, Ärzte, der Oberbürgermeister, ein Mitglied des Landtages, ehemalige Kinder und Kolleginnen, Förderer und Freunde, Eltern und Großeltern von Kindern, Leiterinnen und Leiter anderer Jugendhilfeeinrichtungen, natürlich auch die Presse.
Der Oberbürgermeister sagte, ich hätte meine wichtige und großartige Arbeit in äußerst engagierter Weise getan und wäre sehr erfolgreich dabei gewesen. „Im täglichen Kontakt und Miteinander haben Sie dazu beigetragen, dass die damaligen Kinder und Jugendlichen heute ein selbständiges und erfülltes Leben führen“. Diesem Grußwort schloss sich unser  stellvertretender Vorsitzender des Fördervereines, Mitglied des Sächsischen Landtages, an und sagte: „Sie wussten, die Kinder und Jugendlichen brauchten einen besseren Start ins Leben und eine Wertevermittlung in jungen Jahren, um ein Ziel für ihr Leben zu erkennen und gemeinschaftsfähig zu werden. Man kann Ihre Arbeit nicht hoch genug schätzen“. Ich führe das hier an, weil solche Bemerkungen das Image der Heimerziehung aufwerten .Und wenn wir auf Erfolge zurückblicken können, so ist die Motivation der Motor dafür gewesen.

Es hatte sich also gelohnt, für die Kinder einzutreten, die keine Lobby haben. Ist es den Pädagogen gelungen, ein etwas anderes Bild von Heimerziehung in der öffentlichen Wahrnehmung zu vermitteln? Ich weiß, es gibt noch viel zu tun. Heimerziehung wird nach wie vor Klischees standhalten müssen derart, dass uns, den Heimen, die Schäden angelastet werden, welche die Kinder belasten oder belastet haben; und diejenigen zu übersehen, die man den Kindern antut, bevor sie zu uns kommen; meist viel zu spät und mit Problemen, denen nur schwer beizukommen ist.
Ich sehe Christian unter den Gästen. Er lebte mit seinen zwei Brüdern bei uns. Der allein-erziehende Vater war mit der Aufgabe überfordert. Es waren ja noch weitere Kinder zu Hause, und er arbeitete als Dachdecker und war viel unterwegs. „Unsere drei“ haben die Erzieher ordentlich auf Trapp gehalten, und es war schwer, ihnen Grenzen aufzuzeigen. Heute sitzt Christian mit einem Sträußchen hier und wird es mir gleich mit dem für ihn typischen verlegenen Lächeln überreichen.
„Mann, was Sie mit mir mitgemacht haben, war doch nicht normal“. Ich wusste, sein Leben war vor der “Einweisung” ganz und gar nicht normal. Seine Mutter war aufgrund ihrer Alkoholabhängigkeit erziehungsuntüchtig. Er und seine Brüder litten darunter, besonders aber Christian. Die Jungen erlebten im Heim zum ersten Mal in ihrem Leben ein Gefühl von Geborgenheit und die Erfahrung, angenommen zu werden.
Unwillkürlich musste ich daran denken, wie sie im Chor des Heimes mitgewirkt haben, den ich selbst leitete, für diese Unruhegeister kein leichtes Unterfangen, denn da war ich streng und unerbittlich. Aber sie kamen immer wieder, durften sogar Solo singen. Christian meinte, er habe sich im Heim immer wohl gefühlt, nur das regelmäßige Erledigen der Hausaufgaben ging ihm mörderisch auf den Geist. Wenn Frau W. gar mit ihm den Schrank aufräumen wollte, krachte so manche Tür. Er bemängelte außerdem, dass im Haus nicht geraucht werden durfte. „Aber das war schon richtig so“, lenkte er ein. „Sie waren streng, aber gerecht“. Er fand den Zusammenhalt im Heim große Klasse und wertete als besonders positiv, dass sein Erzieher ihn zu selbstbewusstem Auftreten ermutigt habe. Den letzten Schliff hätte er in der Außenwohngruppe bekommen. Die beiden Erzieherinnen, die dort arbeiteten, bezeichnete er als bombig. Es waren Annett und Karina, die „Begründerinnen“ der Außenwohngruppe, diejenigen, welche die konzeptionellen Grundlagen für diese Wohnform erarbeiteten.

Dieser mein letzter Tag war angefüllt mit ehrenden Worten, Blumen und Geschenken. Meine Nachfolgerin sprach von der Achtung und dem Respekt, mit dem ich den Erzieherinnen und Erziehern entgegengetreten sei, und dass ich in den Zeiten der Neuerungen nie die alten Wertvorstellungen in der Erziehung junger Menschen in Frage gestellt und mit ihnen jede noch so brisante Situation gemeistert hätte. Ehrlich gesagt, mit so viel Lob hatte ich absolut nicht gerechnet Du wirst fragen, warum schreibt sie das alles. Es ist die Einmaligkeit des Tages, es gehört zu diesem letzten Tag ganz einfach dazu, auf die Besonderheit der Arbeit hinzuweisen, die viele Leiterinnen und Leiter und vor allem die Heimerzieher in diesen Einrichtungen leisten. Ich sah mich ganz unmittelbar mit Schicksalen, Lebensläufen von jungen Menschen konfrontiert, die mich nicht loslassen; und auch mit meinen eigenen psychosozialen Erfahrungen; und genau das ist das Spannende daran.
Es freut mich, dass meine Tätigkeit auf eine solch enorme Resonanz gestoßen ist, obwohl es ganz bestimmt nicht immer einfach mit mir gewesen ist.

Wie konnte ich es so lange aushalten in diesem Beruf? Diese Frage wurde mir oft gestellt. Wenn ich heute darüber nachdenke, glaube ich, es war die Faszination und Hartnäckigkeit des Ringens um das einzelne Mädchen oder den einzelnen Jungen; und das hat jeder gespürt, der es mit mir zu tun hatte, ob Leiter der Schulen, die Familien der Kinder, Ärzte, meine Kolleginnen und Kollegen, sogar die Polizei. Da fällt mir ein Ereignis ein. Ich war noch nicht lange im Dienst. Es war Mitte der Achtziger, als zwei Polizisten bei mir vorsprachen. Zwei Jugendliche hätten am vergangenen Abend vor dem Kulturhaus einen Mann zusammengeschlagen und beraubt. Die Beschreibung der Täter, der eine groß und dunkelhaarig und der andere blond und kleiner, passte auf Jim und Uwe. Ein Kollege aus einem benachbarten Heim machte die Polizisten auf die beiden aufmerksam. Ehrlich gesagt, ich konnte mir vieles vorstellen, aber beide hatten gerade ihre Lehre begonnen, waren im Kinderheim gut integriert, junge Leute eben, wie sie in diesem Alter alle sind. Den beiden Beamten gab ich ohne zu zögern zu verstehen, dass die Jungen dafür nicht infrage kämen. Und ich sollte Recht behalten. Die „wirklichen Übeltäter” wurden am nächsten Tag überführt. Immer wieder musste ich an diese Begebenheit denken, auch heute am letzten Tag.

Unter den Gästen entdeckte ich  eine junge Frau. Ich erinnere mich an das zarte Mädchen, das damals mit weiteren drei Geschwistern von der Mutter weggenommen werden musste. Sie kamen in verschiedene Heime. Für Nicole war eine Welt zusammengebrochen, nicht allein, dass der Mutter das Sorgerecht entzogen wurde, die Trennung von den Schwestern war für das Kind unbegreiflich Wer kann den seelischen Schmerz des Kindes nachempfinden, die Ängste? Sie war erst acht Jahre alt. Ich habe bis heute ihre mit Blumen bemalten Briefchen aufgehoben, die sie mir abends durch die Tür geschoben hatte. Ich sollte mich freuen, wenn ich früh mein Büro betrat und ihre Grüße las. Am liebsten hätte ich sie damals mit nach Hause genommen. Gemeinsam mit dem Jugendamt suchten wir nach einer passenden Pflegefamilie. Es gab Kinder, denen das Bedingungsgefüge eines Heimes nicht wirklich half; bei 40 Kindern und wenigen Erzieherinnen und Erziehern kein Wunder. Nach dem ersten Besuch bei dem  jungen Ehepaar, welches das Kind zu sich nehmen wollte, reagierte Nicole verschlossen. Sie blickte uns mit großen Augen an. „Ich will nicht allein dort bleiben, ich habe doch noch Anja, Mandy und Silke“. Das gab sie auch den jungen Leuten zu verstehen. Und was soll ich dir sagen? Alle vier Geschwister fanden Aufnahme in der Familie, die sie später adoptierte. Immer wieder erlebte ich den starken Zusammenhalt von Geschwistern, den ich in einem weiteren Kapitel beschreiben werde. Nicole lernte Hotelfachfrau und arbeitete mit ihrem Partner in der Schweiz und in Österreich. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

Die Gespräche im Anschluss an den offiziellen Teil begannen meist mit der Frage „Wissen Sie noch?“, ob nun von der Ärztin oder der Schulleiterin, von Mitgliedern des Fördervereines, von Handwerkern und Unternehmern. Es ging dabei immer um Begebenheiten mit unseren Kindern und um die Frage, was aus ihnen geworden ist. Meine Stellvertreterin gab mir in einem Brief, den sie mir in die Hand drückte, zu bedenken: „Das tägliche Arbeitspensum wird dir schon fehlen. Denn es kann ja auch Spaß machen, Dispute auszufechten, Streitereien zu bereinigen und Probleme zu lösen. Fast möchte ich wetten, dass es nicht lange dauern wird, bis sich bei dir Entzugserscheinungen äußern. Schließlich brachtest du deine ganze Person mit ein in dieses Haus. Du warst deiner Aufgabe mit Haut und Haaren verfallen. Du warst Heimleiterin aus Leidenschaft… ”. Sie hatte Recht; und ich gestand mir ein, dass man schon ein wenig verrückt sein muss, um das alles durchzustehen; und man immer wieder auf der Suche nach neuen Wegen sein muss.

Am Nachmittag konnte ich mich dann endlich mit den Kindern zusammensetzen. Sie hatten für mich ein „Plakat“ vorbereitet mit einem selbst verfassten Lied und mit Fotos, die sie meinem Mann aus dem Kreuz geleiert haben. Sie waren ungewöhnlich still, die Kinder, rückten an mich heran und wollten von mir wissen, ob ich nun nicht wiederkommen würde. „So einfach ist das nicht, ich werde paar Stunden wöchentlich kommen“. Kannst du dir vorstellen, was sich in meiner Seele abspielte?
Ich habe ihn förmlich plumpsen hören, den Stein von Patrick`s Herzen. Er war geistig behindert von Geburt an und lebte seit seinem 8. Lebensjahr bei uns. Inzwischen ist er 20. (...)




Die Autorin
Im März 1943 wurde ich geboren, mitten im 2.Weltkrieg. Meine Geburtsstadt ist Chemnitz, die 1945 fürchterlich zerstört wurde. Ich war noch nicht ein Jahr, da starb meine Mutter Ich wuchs bei Pflegeeltern auf, dem Bruder meiner Mutter und dessen Frau- in einem Dorf im Erzgebirge. Dort bin ich auch eingeschult worden. Das Lernen hat mir Spaß gemacht, besonders alles, was mit Schreiben zu tun hatte. Meine Pflegeeltern hatten nur wenig Zeit für mich. Sie hatten eine Konditorei und ein Café, das sie voll forderte. Anfang der 1950iger holte mich mein Vater in seine Familie nach Chemnitz. Ich war mit der neuen Situation total überfordert. Das Schreiben hat mich abgelenkt. Das zuständige Jugendamt hielt es damals für angebracht, mich in ein Kinderheim zu geben. Ich fand das spannend, denn ich habe mich immer für andere Menschen interessiert. Ich spürte, dass ich einen guten Draht zu den Kindern und Jugendlichen hatte. Von 1959-1961 besuchte ich die Erweiterte Oberschule. Ich träumte davon, Sängerin zu werden, war ich doch Solistin im Chor der Schule, für mich als Heimkind jedoch fast chancenlos. Ich hätte damals den Ehrgeiz haben müssen, der mich erst viele Jahre danach gepackt hatte. Ich ging mit der 10.Klasse von der Schule, lernte einen Beruf in der Textilindustrie, wohnte in einem Jugendwohnheim. Der Heimleiter bat mich darum, den Beruf des Heimerziehers zu erlernen. Ich nahm ein Studium am IfL Rochlitz auf, wurde Unterstufenlehrer und arbeitete als Erzieherin in diesem Jugendwohnheim. 1982 übernahm ich das Kinder-und Jugendheim in Limbach-Oberfrohna.
Es war mir ein Bedürfnis, über „mein Kinderheim“ zu schreiben, wohl wissend, dass auch in anderen Kinderheimen gute Arbeit geleistet wurde. Ich finde es wichtig, dass ich auf die schwierige, beglückende Aufgabe hinweise, insbesondere in einer Zeit, in der Kinderheime massiv unter Kritik geraten sind. Ich habe versucht, dem Leser durch die Mischung aus Erzählung von Prozessen und die Darstellung einzelner Kinderschicksale, den Zusammenhang von Theorie und realem Leben, näherzubringen.


Margitta Luther, Mein Kinderheim: Eine Heimleiterin blickt zurück


Taschenbuch bei Amazon

22. Januar 2013

Michael „Bundy“ Roth, Schmetterlingspoesie


Dass jemand Gedichte schreibt, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist in diesem Fall eher die Tatsache, dass Bundy es mit seinen Texten schafft, sich als Leser und Mensch in den Gedichten wiederzufinden. 
Jeder, der in seinem Leben von Liebe, Trauer, Tod und Hoffnungslosigkeit betroffen war, findet in „Schmetterlingspoesie“ sein persönliches Gedicht und erlebt ein Stück Lebenshilfe für sich selbst.





Leseproben aus Band 1 und 2

Für Bluffer – In ewiger Freundschaft

Und in mir immer du

Die Zeit heilt Wunden,
ich schau ihr dabei zu.
Jahre im Grenzland,
mit Vollgas vergessen,
finde keine Ruh.
Die Liebe schläft
im Zug nach Nirgendwo.
Es wird Tag,
es wird Nacht.
Und in mir immer du.

*

Blatt im Wasser

Als wir dies Blatt im Wasser fanden,
haben wir verstanden,
dass alles, was uns nichtig scheint,
die ganze Welt in sich vereint.

*

Still

Ich wollte meine Seele fragen,
was sie von mir will,
da hörte ich sie in mir sagen:
„Frag nicht, sei einfach still.”

*

Erwachen

Wenn eine Seele überläuft,
vor Liebe und vor Herzensgüte,
dann fallen kleine Seelentropfen
in eine sonnbeglänzte Blüte.

Sie schwingen durch den zarten Stiel,
bis in die Wurzel tief,
wo jahrelang die Zuversicht
in dunkler Erde schlief.

*

Für Eric – Fly in peace~~~

An allen Tagen
(dieses Gedicht träumte ich am 18.09.2009, in der Nacht vor Erics Unfall, und schrieb es auf. Es war das erste nach fast 10 Jahren, und ich bin mir sicher, dass es von ihm kam…)

Weint nicht, wenn mein Herz aufhört zu schlagen,
ich bin nicht im Körper, ich bin in der Seele,
ich pass auf euch auf, in dunkler Nacht
und an allen Tagen.

*

Magie

In jeder grauen Düsternis
wohnt ein Stück Magie,
das Engel dir und Fackel ist
und Hoffnungsmelodie.

*

Unendliche Liebe

Seit zwei Jahren frag ich mich,
ob Gott wohl einem Mann vergibt,
der nach Jahren ohne Licht
endlich mal unendlich liebt.

*

Seelenorte

Es gibt so seelenreiche Orte,
sie erzähl'n uns ohne Worte,
Geschichten, die uns tief berühren,
die das Herz auf neue Wege führen...






Der Autor

Michael „Bundy“ Roth, geboren am 04.03.1972 in der Weltmetropole Nusplingen auf der schwäbischen Alb.
Im Kindesalter schrieb Bundy mehrere Kurzgeschichten (u.a. „Das Äffchen namens Kalumba“) und mit 10 Jahren ein erstes Gedicht über Eidechsen, die einem Reim zuliebe „Ratzen“ genannt wurden

Bundy fuhr seit seinem 18. Lebensjahr (viel zu schnell) Motorrad, verlor auf der Straße viele Freunde, und wechselte dann auf die Rennstrecke, wo er sich während 20 Jahren ausschließlich rumtrieb und ziemlich erfolgreich Rennen fuhr. Neben Abitur, Studium und Beamtenlaufbahn schrieb er regelmäßig Artikel für diverse Motorradzeitschriften („MO“, „PS“ etc.) und war Mitautor der Motorrad-Anthologie „Gaskrank – Geschichten aus der Kurve“.

Seit 2009 schreibt Bundy auch Gedichte. Diese früher undenkbare Kombination hat er Eric zu verdanken, einem Freund, der ihn im September 2009, - am Tag, an dem er mit seiner Yamaha verunglückt war, als Schmetterling „besucht“ hat, - auf der Rennstrecke, kurz vor einem Rennen. Damals wusste er aber noch nicht, dass Eric nicht mehr lebte.

Eine Woche später, kurz vor seiner Beerdigung, verabschiedete Eric sich auf genau dieselbe Art und Weise von seiner Schwester und von seiner Mutter. Seitdem glaubt Bundy nicht mehr an den Tod, - und seitdem schreibt er jeden Tag mindestens ein Gedicht. Woher sie kommen, weiß er nicht.

Er meint, dass es vielleicht seine Aufgabe in diesem Leben sein könnte, Erics Botschaft, - dass keiner jemals wirklich geht -, an die Menschen weiterzugeben, und „wenn nur eines der 100 Gedichte in seinen Büchlein einem einzigen Menschen da draußen in einem dunklen Moment ein kleines bisschen Hoffnung schenken kann“, dann hätte es sich für ihn schon gelohnt, es zu schreiben.

Eine Kurzgeschichte von Bundy namens „Paul, der Schmetterling“ ist im Dezember 2012 in der Weihnachts-Anthologie „Gedanken zur Weihnachtszeit“ der facebook-Gruppe „Portal für Autoren – Leser – Blogger – Grafiker“ erschienen, die bei Amazon.de erhältlich ist.

In Kürze wird Bundy`s „richtiges“ Buch veröffentlicht werden. Es dreht sich im Kern um die „Schmetterlingserfahrung“ und die damit einherflatternde Bewältigung der Trauer, die sein Leben über viele Jahre hinweg verdunkelt hatte. Es wird „Sie sterben nicht, sie fliegen“ heißen.

Mehr zum Autor und seinen Werken auf www.schmetterlingspoesie.de


Michael „Bundy“ Roth, Schmetterlingspoesie
Band 1 und 2

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Schmetterlingspoesie - Band 1: 100 Gedichte über Leben, Tod, Liebe, Trauer und Hoffnung

Schmetterlingspoesie - Band 2: 100 Gedichte über Leben, Tod, Liebe, Trauer und Hoffnung