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Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

28. April 2013

Martin Barkawitz, Der Schauermann




Nackte Angst macht sich breit, als im Hamburger Hafen im heißen August des Jahres 1892 eine schöne junge Frau grausam ermordet wird. Beunruhigende Gerüchte machen die Runde – ist wirklich ein Vampir für ihren Tod verantwortlich?
Polizei-Offiziant Lukas Boysen glaubt nicht an einen Blutsauger als Täter. In einer Stadt, die unter einer schlimmen Cholera-Epidemie leidet, gleicht die Kriminalermittlung einem Tanz auf dem Vulkan. Als Boysen eine heiße Spur aufnimmt, wird er schon bald von seinen Vorgesetzten gestoppt. Mächtige Interessengruppen scheinen den Mörder schützen zu wollen. Der Fahnder kommt einem furchtbaren Geheimnis auf die Spur.
Boysen ist ganz auf sich allein gestellt. Unterstützung bekommt er nur von der resoluten jungen Schönheit Anna Dierks, die Zeugin eines Mordversuchs geworden ist. Zwischen Hurenhäusern und Opiumhöhlen, Schiffs-Laderäumen und eleganten Bürgersalons kommt es zu einer atemberaubenden Mörderjagd durch das choleraverseuchte Hamburg.


Leseprobe:

(...) Der Eingangsbereich der Villa war mit einigen griechisch-römisch anmutenden Marmorstatuen bestückt, wie sie dem Geschmack der hanseatischen Patrizier entsprachen. Boysen konnte sich ein verächtliches Grinsen nicht verkneifen. Die Skulpturen sollten die erlesene Bildung ihres Besitzers symbolisieren. Aber die Lütke-Sippe war natürlich nicht durch profunde Kenntnisse antiker Kultur reich geworden.
Damit kein Zweifel aufkam, woher der Clan sein Geld hatte, waren die Wände der Empfangshalle außerdem mit Ölgemälden geschmückt. Und diese Bilder stellten Schiffe dar – Vollschiffe und Viermastbarken, Dampfer und Briggs. Die Familie Lütke nannte eine ehrfurchtgebietende Anzahl von Bruttoregistertonnen ihr Eigen. Boysen tat schon lange genug im Hafen Dienst, um das beurteilen zu können. Er hatte es hier mit einer der reichsten Sippen der Hansestadt zu tun.
Boysen spielte mit seinem Dienststock. Er schritt auf und ab und betrachtete die Darstellungen, als wäre er ein Museumsbesucher. Kurzzeitig färbte sogar die in dem Haus vorherrschende Stimmung von Reichtum und Sorglosigkeit ein wenig auf ihn ab. Aber der Offiziant wusste, dass das nur eine Illusion war. Er würde niemals zu diesen erlesenen Kreisen gehören, auch in tausend Jahren nicht.
Jemand räusperte sich hinter ihm.
Boysen drehte sich um. Ohne dass er es bemerkt hatte, war ein Herr zu ihm in die Eingangshalle getreten. Der Diener blieb unter einem Türbogen stehen und verkündete: „Kommerzienrat Theodor Lütke gibt sich die Ehre.“
Diese Bemerkung war eigentlich unnötig gewesen. Boysen war sich vollkommen im Klaren darüber, den Hausherrn vor sich zu haben – das momentane Oberhaupt der Lütke-Sippe.
Theodor Lütke strahlte eine natürliche Autorität aus, obwohl er körperlich wenig imposant wirkte. Doch eine Aura von Macht und Gefährlichkeit umgab den Reeder. Boysen musste sich widerwillig eingestehen, dass auch er selbst sich dieser Ausstrahlung nicht widersetzen konnte.
Der Hausherr trug einen cremefarbenen Leinenanzug. Das Jackett besaß schmale Revers, die Hose wies eine messerscharfe Bügelfalte auf. Die Lackstiefel waren mit weißen Gamaschen versehen. Theodor Lütkes Gesicht hatte etwas Fuchsartiges an sich, wie Boysen fand. Hinter den Gläsern einer randlosen Brille blitzten intelligente Augen, vor deren Blick man sich fürchten konnte.
Theodor Lütke öffnete den Mund.
„Ich bin ein alter Mann. Ich erinnere mich an eine Zeit, als die Polizeidiener der Stadt Hamburg noch saubere Uniformen trugen.“
Während der Reeder sprach, schaute er Boysen nicht ins Gesicht, sondern auf die getrockneten Blutflecken auf dem Waffenrock.
Boysen nahm den Fehdehandschuh auf. Mit einer herausfordernd lässigen Bewegung führte er seine Hand an den Helmrand.
„Ich bin Offiziant Lukas Boysen vom Hamburger Constabler Corps, Herr Kommerzienrat. Ich bedaure unendlich, Ihnen den Anblick meiner beschmutzten Montur zumuten zu müssen. Wenn ich Ihren Herrn Sohn sprechen dürfte, könnte ich Sie sogleich von der Belästigung durch meine Gegenwart befreien.“
Theodor Lütke lachte leise. Es klang, als ob Kiesel am Elbstrand gegeneinander stießen.
„Ich würde nicht so weit gehen, von einer Belästigung zu sprechen. Dennoch wüsste ich gerne, was ein Polizeidiener von meinem Sohn will.“
Boysen erwiderte nichts. Einen Moment lang starrte er den einflussreichen Reeder nur an. Dann spuckte er auf den Boden, ohne Theodor Lütke dabei aus den Augen zu lassen. Der Lakai rang nach Luft, und dem Hausherrn kam seine Fassade ironischer Gönnerhaftigkeit abhanden, jedenfalls kurzzeitig.
„Wie können Sie es wagen ...“, begann er, doch Boysen schnitt ihm das Wort ab.
„Was für ein Benehmen erwarten Sie denn von einem Polizeidiener?“, fragte Boysen mit gespielter Verständnislosigkeit. Daraufhin begann der Reeder erneut zu lachen.
„Touché, Herr Offiziant. – Kommen Sie in mein Privatkontor, dort lässt es sich ungestörter reden. Ich hoffe darauf, dass Sie meine Perserteppiche dort nicht mit Ihrem Tabaksaft tränken wollen.“
„Das lässt sich einrichten“, gab Boysen kühl zurück. Er ließ sich von Lütkes plötzlicher Freundlichkeit nicht hinter das Licht führen. Die reichen Hamburger Patrizier verabscheuten Polizisten beinahe ebenso sehr wie Verbrecher. Dieser Tatsache war sich der Offiziant vollkommen bewusst. Lütke führte Boysen in einen Raum, dessen vier Wände ausschliesslich mit wohl gefüllten Bücherregalen bedeckt waren. Inmitten des Zimmers stand ein großer Schreibtisch aus Eichenholz, hinter dem der Reeder sofort Platz nahm. Er deutete einladend auf einen filigranen Besucherstuhl, aber Boysen schüttelte den Kopf.
„Nein, danke, Herr Kommerzienrat. Ich will Ihre Zeit nicht länger als nötig in Anspruch nehmen. Wenn ich mit Ihrem Sohn Carl sprechen dürfte ...“
Boysen beendete den Satz nicht. Noch während er sprach, hatte Lütke begonnen, den Kopf zu schütteln. So, als wäre Boysen ein uneinsichtiges Kind, dem man die einfachsten Dinge dreimal erklären muss.
„Sie können meinen Sohn nicht sprechen, Herr Offiziant.“
„Und warum nicht, Herr Kommerzienrat?“
„Weil ich es nicht wünsche.“
Boysen atmete tief durch.
„Ich leite eine kriminalistische Untersuchung. Es geht um mehrere Bluttaten, die an jungen Frauen verübt wurden.“
„Was soll Carl damit zu tun haben?“, fragte Lütke. Es klang, als ob dieser Gedanke völlig absurd wäre.
„Wir haben einen Hinweis auf Ihren Sohn gefunden. Sonst wäre ich nicht hier, Herr Kommerzienrat.“
„Was Sie nicht sagen.“ Der Reeder hatte zu seiner ursprünglichen Arroganz zurückgefunden. „Ich fürchte, dass diese Spur im Sand verläuft, Herr Offiziant. Es wäre gewiss hilfreicher, wenn Sie sich anderen Hinweisen zuwenden würden.“
„Kann ich Ihren Sohn nun sprechen oder nicht?“, beharrte Boysen.
„Das wird nicht möglich sein, wie ich schon sagte.“
„Dann sollte ich vielleicht Ihr Haus durchsuchen lassen. Es gäbe auch die Möglichkeit, Ihren Sohn auf die Wache vorzuladen.“
Diese Ankündigung löste bei Lütke erneut Heiterkeit aus.
„Es ist erstaunlich, wie sehr sich ein Offiziant des Constabler Corps überschätzen kann. – Sie verschwenden hier nur Ihre Zeit.“
Boysen kochte innerlich. Hätte er es mit dem üblichen Hafengesindel zu tun gehabt, wäre er schon längst handgreiflich geworden. Das war die einzige Sprache, die der Zuhälter Gustav und seinesgleichen verstanden, und bisher war Boysen mit dieser Methode immer gut durchgekommen. Aber er wusste genau, dass er einen Mann wie Theodor Lütke noch nicht einmal mit dem kleinen Finger berühren durfte.
Vor dem Gesetz sind eben doch nicht alle gleich, dachte der Offiziant übellaunig. Wenn er bei Lütke Ergebnisse erzielen wollte, musste er sich etwas anderes einfallen lassen.
„Sie wollen mir also über den Verbleib Ihres Sohnes keine Auskunft erteilen, Herr Kommerzienrat? Das ist Ihr letztes Wort?“
„Mein Sohn ist in keinerlei kriminelle Aktivitäten verwickelt, Herr Offiziant. Diese Auskunft muss Ihnen genügen.“
Boysen nickte. Er war mitten im Privatkontor des Reeders stehengeblieben. Nun wandte er sich ab und ging zur Tür. Dort verharrte der Offiziant und drehte sich noch einmal um.
„Es gibt einen Grund, warum ich mit einer schmutzigen Uniform zu Ihnen gekommen bin.“
Theodor Lütke schaute Boysen fragend an.
„Ich habe vorhin einen Mann getötet, Herr Kommerzienrat. Sein Blut hat meine Montur besudelt. Und ich würde es wieder tun, um einen Mörder zu stoppen.“
Der Reeder erhob sich aus seinem Sessel.
„Wenn Sie mir drohen wollen ...“
Boysen ließ Theodor Lütke nicht ausreden. Er ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. (...)


Rezension folgt...


Der Autor
Martin Barkawitz wurde am 22. Februar 1962 in Hamburg geboren. Nach Berufsausbildung und Studium sowie diversen Arten des Leistungsbezuges beim Arbeitsamt ist er seit 1997 hauptberuflich als Autor von Unterhaltungsliteratur tätig. Neben Krimis für Erwachsene und Jugendliche schreibt er hauptsächlich Western, Grusel und Fantastik. Zuletzt erschienen sein Hamburg Thriller „Kehrwieder“ und sein historischer Hamburg Thriller „Der Schauermann“.  Sein Hobby ist das Degenfechten. Mehr Infos unter www.martin-barkawitz.de


Martin Barkawitz, Der Schauermann

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24. April 2013

Nina Melchior, Die Vampirheilerin I für Elise



Dies ist die Geschichte um Elise Brennan...
... der Tochter eines Vampirheilers
... mit einem Ursprungsvampir, der alles in den Schatten stellt
... einem Gegner, weit mächtiger als Werwölfe und Hexen
... und einem Vampir, der all sein Wissen in den Wind schlägt, um einer faszinierenden Frau die Chance zu geben, ihn in einen Menschen zurückzuverwandeln.
Elises Vater hatte sein Leben der Vampirheilung verschrieben. Nachdem er den Schlüssel zur Heilung endlich gefunden hat, stirbt er auf mysteriöse Weise bei einer Reise nach Dublin.
Elise beschließt ein Jahr später, nach einem einschneidenden Traum, sich ihrem Erbe und der Familiengeschichte endlich zu stellen.
Sie ahnt nicht, dass ein Vampir bereits in ihrer unmittelbaren Nähe darauf lauert, sie zu töten, um sich selbst von einer Schuld reinzuwaschen und dass ihre unerwiderte Liebe Michael eine mysteriösere Rolle in ihrem Leben spielt, als seither offensichtlich war.
Wird Micha Elise von der Idee der Vampirheilung abbringen können oder wird sie dem Vampir verfallen und ihr Leben für den Traum ihres Vaters opfern?

Leseprobe

Dunkle Schwingen

Das wenige Licht der Kerzen in ihrem Zimmer genügte, um sie mit ihrem Spiegelbild zu demütigen. Ihr nackter Anblick konfrontierte sie mit dem, was sie getan hatte.
Ihr wurde übel. Es kam so schnell und heftig, dass sie sich vornüber beugte und auf die Seidenbettwäsche erbrach.
Sie schluckte mehrfach, um den sauren Geschmack loszuwerden. Das zerknüllte Laken warf sie vom Bett auf den Boden. Dann sank sie auf der Matratze zusammen.
Vor ihrem inneren Auge zogen Momente vorbei, die sie mit Micha an der Trinity Universität erlebt hatte. Der einzige Mann, den ihr Vater akzeptiert und ins Haus gelassen hatte. Der einzige Mensch, in dessen Nähe sie so etwas wie Glück verspürte. Der Einzige, den sie jemals lieben konnte.
Den letzten Brösel Gesellschaft in ihrer Einsamkeit hatte Micha gerade eben weggekehrt und mit dem Müll entsorgt.
Tränen liefen aus ihren Augen und ihr Gehirn stellte den Dienst ein. Sie wollte sich nicht bewegen, konnte nichts tun, als den Schmerz aushalten und mit jeder Sekunde drohte er weiter zu wachsen.
Ein Stockwerk tiefer fiel eine Tür ins Schloss und ihr Lebenswille erlosch. Sie wollte ihn nie wieder sehen, hören, fühlen. Sie wollte überhaupt nichts mehr...
Es war schwer zu sagen, wie viel Zeit verging, bis sie sich vom Bett rollte und aufstand. Als sie ihre Augen auf den Kleiderschrank richtete, registrierte sie, dass es draußen dunkel war. Eine angenehme Hülle aus Schwärze.
Sie öffnete den Schrank und zog das erste Kleidungsstück heraus, das danach aussah, sie bedecken zu können. Ein schmutzfarbenes Sommerkleid, das sie ewig nicht getragen hatte. In einer angestrengten Bewegung streifte sie es über. Es war zu kurz. Vielleicht, überlegte sie, gefiel sie ihm einfach nicht. Sie war viel zu dünn. Wenn sie einfach nicht mehr da wäre, wenn sie verpuffen würde…? War das das Gleiche wie Selbstmordgedanken zu haben? Wen kümmerte das? Ihr Vater schien seit Jahrhunderten tot. Es hatte keine Bedeutung mehr. Micha hatte sie vergiftet.
Elise registrierte, dass ihr Blutdruck sich erhöhte und folgte dem Impuls. Gift… Als zöge ein Magnet an ihr, verließ sie ihr Zimmer und stieg hinunter in die Eingangshalle. Es war zu kühl im Treppenhaus für ihren Aufzug, barfuß in einem Sommerkleid. Aber sie nahm das nur wahr, ohne es zu bewerten.
Ihr Blick fiel auf die Verlängerung der Treppe ins Untergeschoss. Das Dunkel wirkte anziehend und Elise ging weiter. Sie nahm die erste Stufe und fühlte einen Hauch Leben, als sie aus dem Licht trat. Ein Gefühl, als bessere sich alles, wenn sie sich nur für immer im Dunkel verstecken konnte.
Sie schloss die Augen und ging die Stufen hinunter, konzentrierte sich auf ihre Atmung und den kalten Boden. Wie in Trance zählte sie ihre Schritte. Botulinum.
Die kleinste Menge Gift tötete.
Was für ein blödsinniger Gedanke…
Die Tür glitt auf und ein bekanntes Scharren ließ sie aufhorchen. Ob die Botulismus-Ratte bereits von ihrem Leid erlöst war?
Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte sie, dass tatsächlich ein schwacher Lichtschein aus der Eingangshalle bis ins Labor vordrang. Sie konnte die Umrisse der Tische erkennen und ihre Augen waren hier nicht so gefordert, Informationen an ihr Gehirn weiterzuleiten, als im Hellen.
Ohne den Lichtschalter zu betätigen, trat sie zwischen die Tische. Mit der Hand fühlte sie sich bis zu der Stelle vor, an der die Spritze lag. Aber als sie sie berührte, zuckte sie zurück. Einem inneren Drang folgend, schaute sie zu der schiefen Tür im Eck.
Tote Nonnen… Gefahr … die Pflicht der Brennans…
Der Schlüssel steckte. Da war ein Impuls, ein Wille, der keine andere Entscheidung möglich machte und keine Zweifel oder Gegenfragen duldete.
Sie trat auf die Tür zu, legte die Hand auf den Schlüssel und drehte ihn. Fast von allein sprang ihr die Tür entgegen.
Mit einem Mal war Elise blind.
Die Dunkelheit aus der Höhle fraß die letzten Lichtreflexe des Raumes auf. Der Sog, der sie gleichzeitig einfing, berauschte sie, so dass sie die Kälte auf ihrer Haut kaum mehr wahrnahm. Micha existierte nicht mehr. Der Schmerz drängte sich in einer Ecke ihrer Seele zusammen und Elise fühlte einen brennenden Wunsch:
Sich in dieser Schwärze zu verlieren.
Der erste Schritt war ganz einfach. Sie verharrte in der Bewegung, bevor sie den zweiten Fuß nachzog.
Für einen Moment verlor sie die Orientierung.
Aber dann änderte sich alles. Ihrem Körper schien die Schwerkraft genommen. Die Luft kühlte ihre Lungen und war angereichert mit einem süßen Duft, der an ihren Nasenflügeln haften blieb.
All ihre Sinne waren befreit.

Nachtschattengewächse

Mit dem nächsten Schritt durchbrach Elise die Barriere aus Dunkelheit. Ein schwacher Lichtschein aus der Tiefe erhellte die Treppe gerade so weit, dass sie gefahrlos weitergehen konnte. Ihre Sicht endete jedoch immer mit den nächsten drei Stufen an der kommenden Windung.
Sie stützte sich mit der Hand am Mauerwerk ab und tastete sich langsam vor. Eine Lebendigkeit erfüllte sie, die Angst unmöglich erscheinen ließ. Aber gleichzeitig ergriff ihren Verstand auch eine warnende Vorahnung.
Entfernt hörte Elise ein Flattern. Es klang wie Hautlappen die aufeinander schlugen. Ihre nackten Füße waren mittlerweile so kalt, dass sie nur mit Mühe spürte, wenn ihr Fuß auf die nächste Stufe aufsetzte. Sie umrundete eine weitere Biegung und erstarrte.
Die Stufen mündeten in eine nur wenige Meter tiefe Höhle. Ein zweiter Ausgang lag gegenüber, dort, wo das Licht einer Kerze auf dem Boden flackerte.
Direkt neben der Kerze, mit dem Blick eines Gelangweilten, stand er.
Um seine zu blassen Lippen spielte die Andeutung eines Lächelns. Er schritt langsam an der Wand entlang. Sein Körper besaß die Gestalt eines Menschen, aber gleichzeitig brach seine Erscheinung in Elise jeglichen Mut. Es war das gleiche Gesicht, die gleiche Statur und das gleiche böse Lächeln wie in ihrem Traum.
Elise wusste, dies konnte der Moment sein, kurz bevor sie starb.
Wenn sie wollen, töten sie schnell. Du wirst nicht mal bemerken, ihr Opfer gewesen zu sein…
Ihr Herz hämmerte seine Schläge gegen ihre Brust.
"Lass uns so tun, als gäbe es die Bezeichnung 'Vampir' nicht. Wie würdest du beschreiben, was ich bin?" eröffnete er und Elise sank in die Knie. In seiner Stimme schwang eine Vibration mit, die ihren Gleichgewichtssinn außer Kraft setzte. 
Schwerfällig hob sie den Kopf und sah ihn an. Alles an ihm war die Antwort auf seine Frage. Alabasterweiße Haut, greifbare Aura, hypnotischer Ausdruck in farblosen Augen.
Der Drang zu fliehen kämpfte mit ihrer Vernunft es nicht zu tun. Wie eine Katze würde er auf sie reagieren, sobald sie sich bewegte. Also hielt sie ganz still und lauschte den Erinnerungsströmen, die über sie hereinbrachen.
Die einzigen Schwachpunkte des Vampirs sind seine Einsamkeit und Langeweile. Wenn du das nicht nutzt und der Angst verfällst, verfällst du ihm.
Endlich erinnerte sie sich auch daran, dass er ihr eine Frage gestellt hatte. Es war lebensnotwendig zu antworten. Doch wie beschrieb man, was nicht lebte?
"Ein Dämon? Die Ausgeburt des Teufels?" schlug er vor, als ihm die Pause zu lange dauerte. Er dehnte die Worte, um sie lächerlich klingen zu lassen und selbst seine Stimme war die Gleiche wie in ihrem Traum. Im Stillen bat sie ihren Vater um Vergebung. Sie war auf den Lockruf eines Vampirs hereingefallen.
Benommen stützte sie den Kopf in die Hand. Er war noch Meter von ihr entfernt und sie betete, es möge so bleiben. Ein Schrei saß ganz oben in ihrer Kehle und eine irrationale Angst ergriff sie, der Laut würde einfach herausschießen, wenn sie den Mund auch nur zu einer Antwort öffnete.
"Ich weiß nicht, wie ich dich nennen soll." brachte sie endlich hervor und holte heimlich Luft.
Du musst ihn herausfordern, überraschen. Dein Leben hängt an den Worten, die du sagst. Heb' dich ab, von allem was er kennt.
Es waren die Worte ihres Vaters in ihrem Kopf.
"Vielleicht bist du einfach ein Mörder. Der Mörder meines Vaters?" schob sie nach und es hatte herausfordernd klingen sollen. Aber es hörte sich an wie ein Jammern. Sie fror erbärmlich und in einer Schrecksekunde wurde ihr bewusst, dass ihre Aufmachung einem Festmahl gleichen musste. Sie zog die Knie enger an den Körper.
Die überlegene Miene des Vampirs entglitt ihm für einen Moment.
"Mein Name ist Magnus Ryan. Du bist Elise Brennan, die Tochter von David Brennan." stellte er fest, als wolle er sicher gehen, das richtige Opfer vor sich zu haben. Dann deutete er eine Verbeugung an.
"Es war freundlich von dir, dich leicht zu kleiden, bevor du meinem Ruf gefolgt bist. Wir schätzen anmutige Opfer."
"Ein Punkt für meinen Dad." entfuhr es Elise.
Sein Blick prüfte ihre Gestalt, dann streifte er sich mit Daumen und Zeigefinger übers Kinn und befeuchtete seine Lippen.
Er zögerte!
"Dein blutleerer Vater dachte zu gut von unsereins." sagte er und die Offenbarung der Worte traf Elise wie ein Schwerthieb.
"Also warst du es?"
Magnus' Augen verengten sich und seine Iris schien aufzublitzen - vielleicht war es aber auch nur die optische Täuschung der unnatürlichen Farbe.
"Wäre ich sonst hier?"
"Ich kenne deine Gründe nicht." stammelte sie.
Magnus ging einige Schritte durch die Höhle.
"Sie werden immer unergründlich bleiben für euch Menschen." erwiderte er.
"Eingebildete Kreatur." zischte sie und die Worte entsprangen einem Hass, der unerwartet in ihr wuchs. Doch sie bereute die Worte sofort. Magnus stand mit einem Ruck eine Armeslänge vor ihr. Seine körperliche Nähe lähmte sie.
"Mein Vater meinte, eine Heilung sei für beide Seiten das Beste." brachte sie schnell hervor. Sie musste das Gespräch am Laufen halten. Aber sie kam sich vor, wie ein trotziges Kind, dem keine besseren Argumente einfielen, um einer Schelte zu entgehen.
"… doch du weißt es besser." hauchte er.
Mit einer kaum sichtbaren Bewegung verringerte sich der Abstand zwischen ihnen noch weiter und er streckte helfend seine Hand nach ihr aus. Elise konnte sich kein Zögern leisten. Sie griff zu und ließ sich von ihm hochziehen.
Die Bezeichnung "Krankheit" kam ihr mit einem Mal absolut lächerlich vor. Seine Haut spiegelte sich im Schein der Kerze glatt und porenfrei wie Milchglas. Seine Iris besaß die Farbe von Neuschnee und nur eine schwarze Corona trennte sie vom Rest des Augapfels. Elise schaffte es nicht, sich vom Blick seiner Augen zu lösen. Es schwächte sie, ihn anzusehen und gleichzeitig war es unglaublich angenehm, als falle ihr Geist in ein Netz aus Watte.
Es erschien ihr wie ein Wunder, dass auf dem gleichen Planeten, der dieses Wesen beherbergte, überhaupt noch Menschen existierten.
Aber da war noch etwas, hinter ihrer Furcht und Faszination: ihre angeborene Brennan-Neugier. 
"Dann sag mir, was du bist, wenn ich nur ein dummer Mensch bin."
"Welchen Spaß hätte ich daran?"
Elise schluckte.
Sein Haar war tiefschwarz, schimmerte aber an einigen Stellen fast bläulich. Es fiel ihm wirr ins Gesicht; jung und frech und irgendwie erinnerte Elise sein Gesicht in seiner Bewegungslosigkeit an eine Puppe.
Magnus Körper erstarrte auf einmal - offensichtlich ohne Grund. Er lehnte sich starr nach vorne und witterte ihren Geruch. Sie war sich sicher, dass er jeden Moment seine Zähne in ihren Hals schlagen würde. Man konnte das Verlangen von seinem Gesicht ablesen. Es zerrte an ihm und für einen Moment schienen seine Wangen einen gesunden Schimmer zu bekommen, als walle ein Rest fremden Blutes in ihm auf.
"Zum Zeitvertreib." sagte Elise, "Danach kannst du mich noch immer töten." Magnus wich zurück. Sein Gesicht verwandelte sich in eine Maske. Elise drängte sich an die Wand. Adrenalin schoss in ihre Adern.
"Vampire haben kein Bedürfnis nach Selbstdarstellung." spie er aus. Ohne zu wissen, aus welchem Teil ihrer Seele die Schlagfertigkeit kam, ergriff sie den nächsten Zweig, den er ihr hinhielt.
"Es wundert mich, dass du dich überhaupt beleidigt fühlen kannst."
Der Vampir wirkte abgelenkt und irritiert, dann kam er näher. Seine Aura umspannte die Höhle und brachte jede Faser ihres Körpers zum Pulsieren. Es war in Ordnung, wenn er sie jetzt umbrachte.
Seine kräftigen Arme stemmten sich an die Mauer. Mit den Füßen sprang er an die Wand, so dass er wie ein riesiger Käfer über ihr saß. Sein Atem streifte ihre Wange und sie unterdrückte den Drang zu schreien, als Magnus' Zentimeter vor ihr die Fangzähne fletschte. Sie waren länger, als die eines Menschen, spitz wie Dolche und die Kanten glänzten wie geschliffene Messer.
"Dann stimmt es also, dass ihr die Schwerkraft überwinden könnt." presste sie hervor. Doch in einer instinktiven Geste drehte sie ihren Kopf zur Seite, um seiner Nähe auszuweichen.
"Sieh mich an!" forderte er.
Gehorsam drehte sie den Kopf zurück. Ihre Sinne trieben seltsame Blüten. Sie wollte wenigstens einmal geküsst werden, bevor sie starb. Von ihm.
Unpassend. Irrational! Aber die Empfindung ließ sich nicht abschütteln. Nichts stimmte mehr. Diese Schöpfung war zu gelungen. Ein Gefühl der Aufregung machte sie schwindelig und sie legte erschöpft den Kopf nach hinten.
"Hör auf damit!" zischte Magnus und packte mit seinen eisigen Fingern in ihren Nacken. Sie atmeten jetzt beide schwer, im gleichen Takt.
"Was tue ich?" fragte Elise etwas hilflos.
"Bedecke deine Schlagader … damit ich deine Fragen beantworten kann." entgegnete er und sie senkte den Kopf, so dass ihr Hals hoffentlich etwas im Schatten lag. Es schien, als wäre er völlig ausgehungert. Aber warum hielt er sich dann noch zurück?
"Du hast doch Fragen, Elise Brennan, nicht?" Er lächelte. Entweder war er zufrieden über ihren Gehorsam oder belustigt über seinen eigenen Trieb. Sie wusste es nicht.
"Du regst mich auf." sagte er, "Entzückend."
Elise fing sich endlich. Es gab eine Chance. Tatsächlich sprang er im gleichen Augenblick von der Wand und trat er ein paar Schritte zurück. Als sein Blick sie freigab, konnte Elise wieder denken. Sie warf einen Angelhaken aus und stellte die erste Frage, die ihr in den Sinn kam:
"Wie oft brauchst du Blut?"
"Jede Nacht?" sagte er, doch durch die Betonung war nicht klar, ob es eine Frage oder eine Aussage war.
"Wie anstrengend." bemerkte sie.
"Wie langweilig, mit dir zu streiten." meinte er.
"Wenn du das so empfinden würdest, wäre ich längst tot."
"Du bist bereits tot." Sein Blick verfing sich in ihrem. (...)

Rezension folgt...


Die Autorin
Nina Melchior wurde 1981 geboren und lebt mit ihrem Ehemann und kleinem Sohn in der Nähe von Stuttgart.
Mit dem Schreiben begann sie bereits in ihrer Teenagerzeit, woraus 1999 ihr erster Roman hervorging, der von einer Kreiszeitung und dem SWR1 vorgestellt wurde.
Sie ist gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte und momentan in Elternzeit. Seit der Geburt ihres Sohnes arbeitet sie an der dreiteiligen Vampirheilersaga um Elise Brennan. Die Rohfassung des 2. Bandes "Mondschein Sonate" befindet sich in der Überarbeitungsphase.
TEXTPROBEN, Infos zur Autorin, Klappentexte u. v. m. gibt’s auf ihrem Autorenblog:

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Nina Melchior, Die Vampirheilerin I für Elise

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