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17. September 2013

Myra Çakan, Dreimal Proxima Centauri und zurück



Bevor sie an Bord der Stern von Beteigeuze ging glaubte Mimsy Mimkovsky, das Schlimmste, das ihr auf der Reise zum Planeten Proxima Centauri 2 passieren könnte wäre, die Launen von Madame Halcion, ihrer Arbeitgeberin, ertragen zu müssen. Doch die exzentrische Diva und ihr überheblicher Impresario sollten bald das Geringste von Mimsys Problemen sein. Auf dem luxuriösen Kreuzfahrtraumschiff ist kaum einer der Passagiere, was er vorgibt. Als bei den Proben zur traditionellen Bordrevue »Schieß mich zum Mars, Liebling« eine wichtige Requisite verschwindet, ist dies der Auftakt einer furiosen Space   Opera die ihresgleichen sucht.Die Autorin vermischt Science-Fiction, ebenso schamlos wie stilsicher, mit Elementen der Screwball-Comedy und des viktorianischen Unterhaltungsromans. Abgerundet wird das brisant-amüsante Spektakel mit einem guten Schuss Steampunk.

„Ganz großes Kino: Eine ebenso kosmische wie komische Kreuzfahrt quer durchs Weltall – in immer neuen, spannenden Wendungen entfaltet sich ein Panorama aus geheimnisvollem Geschehen und sternenfunkelnden Gefühlen. Wo kann ich hier eigentlich den Knopf drücken, um zu zeigen, dass mir das Buch gefällt?“
Peter Glaser


Rezension:


Screwballcomedy, Steampunk und Augenzwinkern
Was braucht es mehr, um mein Leserherz zu erfreuen? Wenig. Myra Cakan hat da ein reizendes Bündel geschnürt. Es geht um Menschen und ihre Merkwürdigkeiten, auch wenn alles im SF-Mileu spielt. Die Autorin beschreibt skurrile Erscheinungsformen amüsant und originell, in dem sie die Personen zu Klischeefiguren hochstilisiert. Das, was normalerweise AutorInnen vorgeworfen wird, ist hier vorzüglich verarbeitet. Intriganten, Liebeshungrige, Wichtigtuer, Verbrecher, devotes Personal – alle diese Charaktere gibt es schließlich im wahren Leben. Und auf dem Luxusliner durchs Weltall sind alles diese Prototypen versammelt und treiben ihr Unwesen. Ich habe mich wirklich wunderbar unterhalten gefühlt.

Mimsy Mimkovsky, eine arme Waise,
aufgewachsen in einem Kinderheim, dennoch zauberhaft hübsch, bescheiden, klug, scheu (wie es sich gehört) ist die Hauptfigur, durch ihre Augen verfolgt der Leser die Geschehnisse. Das scheue, hübsche Kind, mittellos, ist die Gesellschafterin einen Diva, die eine absolute Nervensäge ist. Mimsy ist mit Abstand die natürlichste Person an Bord, und damit dem Leser sympathisch.

Andere Personen sind manchmal
unglaublich nervig, aber das gehört zur Geschichte dazu. Sie werden alle liebevoll genau dargestellt, als Leser ist man absolut dabei.
Die Autorin hat eine blühende Fantasie, allein die Namen, die sie den Handelnden gibt, oder die Bezeichnungen der Speisen, die leider nur erwähnt werden, nicht aber erklärt (ich hätte gern mehr darüber erfahren).

Der Roman ist eine amüsante Farce,
keine Frage. Der Plot wird ordentlich zu Ende geführt; mir fehlten jedoch die für Screwball typischen Twists (unerwarteten Wendungen) zum Finale. Trotzdem eine sehr feine Geschichte mit witzigen Verballhornungen und bekannter Worte, Wortverdrehern, oftmals sehr schöne Dialogführung, elegant und frisch geschrieben. Technisch einwandfrei, fast fehlerfrei, insgesamt ein großes Vergnügen mitzureisen nach Proxima Centauri! Wärmste Empfehlung an alle, die ein paar nette Stunden mit wohltuender Lektüre verbringen möchten.

Elsa Rieger




Die Autorin:
Myra Çakan studierte Schauspiel und Musik und gilt als die erste deutschsprachige Vertreterin des Cyberpunk. Sie veröffentlichte fünf Romane – When the Music’s Over (1999), Begegnung in der High Sierra (Luke Harrison – Weltraumabenteurer 1) und Zwischenfall an einem regnerischen Nachmittag (Luke Harrison – Weltraumabenteurer 2) (beide 2000), Downtown Blues (2001), Dreimal Proxima Centauri und zurück (2011) drei Kurgeschichten-Sammlungen – Nachtbrenner (2012) Geschichten aus der Zukunft von Gestern (2013) Winterlang (2013) und ein Sachbuch Mein Buch! (2012); darüber hinaus zahlreiche Kurzgeschichten in Magazinen und Anthologien. Zwanzig Hörspiele, Adaptionen ihrer eigenen Werke und Originalstoffe, wurden u. a. von WDR und SWR produziert. Die Autorin ist nicht nur Science-Fiction-Liebhabern ein Begriff, wie Rezensionen ihrer Werke in der SZ, Stern oder Frankfurter Rundschau belegen.



Myra Çakan, Dreimal Proxima Centauri und zurück

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16. September 2013

Vera Nentwich, Rausgekickt: Blaue Vögel


Wie soll man die Liebe finden, wenn Angst das Schicksal sabotiert?

Unermüdlich arbeiten Schicksalsboten daran, Paare zusammenzubringen. Auch Mechthild sollte mit ihren 44 Jahren längst den Mann an ihrer Seite gefunden haben. Doch ständig dem tyrannischen Vater ausgesetzt, stolpert sie ängstlich durch ihr Leben und Katastrophen pflastern ihren Weg. Selbst vor den Schicksalsboten machen ihre Unfälle nicht halt. Sie müssen handeln.






Leseprobe

(...)
„Hey Mädel, schlafen kannst du auch noch morgen!“
„Nun lass sie doch, Else!“
„Ja, vielleicht hat sie schon einen harten Morgen hinter sich.“
„Hier wird nicht geschlafen.“
Jemand rüttelt an Mechthilds Arm. Von irgendwoher dringt Musik an ihr Ohr. Solche, die in den Fernsehsendungen zu hören ist, die ihr Vater gelegentlich ansieht. Ihr Mund ist trocken und der Kopf brummt. Als ob das Herz direkt mit einem Hammer im Kopf verbunden wäre und mit jedem Pumpstoß einen Schlag gegen die Schädeldecke auslöst.
Wieder rüttelt jemand an ihr. Mechthild versucht, dieses Hämmern loszuwerden. Sie ist sich nicht sicher, ob es in ihrem Kopf hämmert oder ob es die Musik ist.
„Sie bewegt sich!“, hört sie eine aufgeregte Frauenstimme.
„Hey, Kindchen, aufwachen!“, dringt eine andere Frauenstimme zu ihr durch.

Zwischen all dem Hämmern und den verwirrenden Frauenstimmen versucht der Geist, irgendwie seine gewohnte Funktion aufzunehmen. Aber immer, wenn eine Synapse den Kontakt zur nächsten hergestellt hat, droht ein Hämmern diese Verbindung sogleich zu zerstören. Es dauert, bis die Impulse ihren Weg durch Mechthilds Kopf gefunden haben und an ihrem Ziel eine Bewegung auslösen können. Erste Impulse erreichen die Augenlider, verursachen ein Zucken und führen dann zum zaghaften Öffnen. Die auf die Netzhaut treffenden Lichtstrahlen verstärken das Hämmern und nur mühsam kann Mechthild dem Drang widerstehen, die Augen gleich wieder zu schließen und zurück in die ruhige Dunkelheit zu gleiten. Sie zwingt sich dazu, die Augenlider offen und dem Licht standzuhalten. Das Hämmern im Kopf wird schwächer, dafür wird die Musik lauter und in dem grellen Schein werden erste Konturen erkennbar. Aus den Konturen werden Gesichter. Gesichter, die sie aufmerksam beobachten.
„Hey, Kindchen“, sagt das eine Gesicht, „schön, dass du bei uns bist.“
Mechthild will aufspringen, aber ihr Körper gehorcht ihr nicht.
„Brauchst nicht zu erschrecken, Kindchen. Wir tun dir nichts.“ Gelächter.
Langsam kann Mechthild die Gesichter näher in Augenschein nehmen. Lauter Frauen. Eine hält ihr ein Fläschchen entgegen.
„Hier, nimm!“, fordert sie Mechthild auf.
Mechthild greift zögerlich zu.
Die Frauen klopfen die Fläschchen mit dem Verschluss gegen die Wand, schrauben sie auf und setzen sich die violetten Verschlüsse auf die Nasenspitze. Dann beginnen sie, zu singen.
„Oh diese Freude kann keiner fühlen, wenn man für lau, für lau kann einen runter spülen.“
Alle setzen die Fläschchen an und leeren sie mit einem Schluck. Mechthild starrt sie mit großen Augen an.
„Na Kindchen, los, hau runter das Zeug“, wendet sich eine der Frauen an sie. Wie in Trance öffnet Mechthild das Fläschchen und führt es zögerlich zum Mund.
„Ist nix Fieses“, sagt eine andere Frau.
Die kühle Flüssigkeit fließt in ihren trockenen Mund. Gar nicht so übel. Es schmeckt leicht nach Zitrone. Es tut ihr tatsächlich gut.
„Na siehst du, ist doch gar nicht so schlimm“, wendet sich die erste Frau wieder an sie. „Wie heißt du denn?“
„Mechthild“, antwortet sie und ist überrascht, dass sie wieder sprechen kann.
„Hallo Mechthild!“, erschallt es unisono von den Frauen.
„Wir sind die flotten Bienen“, klärt sie die erste Frau auf, die anscheinend eine Art Anführerin ist, „wir sind auf Kegeltour.“
Sie zeigt der Reihe nach auf die anderen Frauen. Alle schätzt Mechthild auf um die 60 Jahre.
„Das ist Else.“ Else nickt.
„Unsere Walli.“ Walli hält ihr eine Plastikdose hin.
„Möchtest du ein Frikadellchen?“
„Und die Stille da in der Ecke, das ist Gerda“, fährt die Anführerin fort.
„Ich bin Uschi“, übernimmt eine andere das Wort, „und das ist Ruth, unsere Chefin.“

Mechthild nickt ihnen der Reihe nach zu. Wieder versucht sie aufzustehen, aber die Beine wollen ihr nicht gehorchen.
„Wo willst du denn hin?“, fragt Ruth irritiert.
Ja, wohin eigentlich? Sie weiß ja noch nicht einmal, wo sie ist. Sie sackt in sich zusammen. „Keine Ahnung.“
„Darauf müssen wir noch einen trinken“, wirft Else ein und reicht weitere Fläschchen herum. Jede nimmt sich eines, auch Mechthild, und das Schauspiel mit Klopfen und Gesang beginnt erneut. Beim Text des Liedes stockt Mechthild etwas, aber das Trinken klappt schon ganz gut.
„Bist du alleine hier?“, übernimmt Ruth wieder das Wort.
„Ich denke schon“, erwidert Mechthild unsicher.
„Du denkst?“
„Wo bin ich hier überhaupt?“ Mechthild schaut sich intensiver um. Die Musik dröhnt. Es sieht aus wie ein Zugabteil. Die Landschaft vor dem Fenster bewegt sich und mehr und mehr dringt auch das typische Rattern der Eisenbahn zu ihr durch. „Ich bin in einem Zug“, bestätigt sie sich die Eindrücke.
„Na Kindchen, du musst aber eine harte Nacht gehabt haben, wenn du nicht einmal weißt, dass du im Sambazug bist.“
„Sambazug?“
„Ja, das ist der Sambazug zum Weinfest an der Mosel. Alles inklusive.“
Mechthild kann sie nur mit großen Augen anstarren. Die Szene im Krankenhaus kommt ihr wieder in den Sinn. War sie nicht vergewaltigt worden? Nein, anscheinend nicht. Instinktiv fasst sie sich an den Hals, wo es gepikst hat. Dann greift sie nach ihrer Handtasche. Ist auch noch da.

„Ich glaube, ich bin entführt worden“, stammelt sie.
„Entführt?“ Fünf Augenpaare schauen sie erschrocken an.
„Ich erinnere mich nur, dass ich im Krankenhaus war, um nach meinem Vater zu sehen. Es kamen eine Krankenschwester und ein Buchhalter auf mich zu, es hat an meinem Hals gepikst und dann bin ich hier aufgewacht.“
Die stille Gerda findet als Erste ihre Worte wieder.
„Wir müssen die Polizei rufen!“
Hektik bricht aus und alle kramen in ihren Taschen, um ihre Handys herauszuholen.
„Ich habe kein Netz“, stellt Else fest.
„Ich auch nicht“, bestätigt Walli.
Es ist Ruth, die das Kommando übernimmt.
„Mädels, nun macht doch keine Hektik. Hier im Zug können wir doch sowieso nichts tun. Wir gehen gleich, wenn wir angekommen sind, zur Polizei.“

Mechthilds Geist kommt langsam auf Touren. Das kann nicht sein. Vielleicht findet sie einen Schaffner, der ihr helfen kann. Irgendwie muss sie das Krankenhaus erreichen, um zu erfahren, wie es ihrem Vater geht. Vielleicht ist der schon gestorben! Ein Schrecken fährt durch ihre Glieder und sie muss einen kurzen Moment gegen Tränen kämpfen, die sich ihren Weg bahnen. Sie nimmt alle Kraft zusammen und kommt schwankend auf die Beine.
„Wo willst du denn jetzt hin?“, fragt Ruth wieder.
„Ich suche einen Schaffner. Der kann dann die Polizei rufen. Ich muss unbedingt das Krankenhaus anrufen!“
„Ach Kindchen, einen Schaffner wirst du hier kaum finden. Bei dem Gedränge da draußen kommst du sowieso höchstens bis in den Tanzwagen. Nein, es ist besser, du bleibst hier und wir gehen zur Polizei, sobald wir angekommen sind.“
Mechthild schaut durch das Fenster in der Abteiltür auf den Gang. Es sind nur die Körperteile der sich dort zusammendrängenden Menschen zu erkennen. Sie kann doch nicht einfach hierbleiben und nichts tun.
„Wie lange fahren wir denn noch?“
Ruth schaut auf die Uhr.
„Wir sind noch nicht lange unterwegs. Es wird noch gute zwei Stunden dauern.“
Zwei Stunden, in denen sie keinen Kontakt mit der Außenwelt hat. Aber Ruth hat wohl recht, da gibt es kein Durchkommen. Resigniert lässt sie sich auf ihren Platz fallen.

Alle atmen erleichtert aus. Walli hält wieder ihre Plastikdose hin.
„Hast du denn etwas gegessen? Möchtest du ein Frikadellchen?“, wendet sie sich an Mechthild.
Stimmt, sie hat noch gar nicht gefrühstückt. Bei der ganzen Aufregung um ihren Vater hat sie das völlig vergessen. Sie nimmt eine Frikadelle aus der Dose. Dies ist das Signal an die anderen Frauen. Alle packen ihre Vorräte aus und reichen Plastikdosen herum.
Mit jedem Bissen legt sich Mechthilds Aufregung etwas. Hier im Zug kann sie nicht viel tun. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich dem Schicksal zu fügen. Wo ist sie da nur hineingeraten?

„Hallo Mädels!“ Ein Mann hat die Abteiltür geöffnet. Hinter ihm schauen weitere Männer ins Abteil. „Bei euch sieht es ja nett aus. Lust auf ein Bierchen?“
„Klar“, antwortet Ruth und die Männer reichen Biergläser herein. Es kommt Bewegung in die Frauenrunde. Walli erreicht als Erste die Abteiltür und hält den Männern ihre Plastikdose hin. „Möchtet ihr Frikadellchen?“
Die Männer greifen beherzt zu. Uschi quetscht sich an ihr vorbei.
„Woher kommt ihr denn, Jungs?“ Dabei betont sie das Wort Jungs auf eine ganz besondere Weise. Mechthild beobachtet das Schauspiel gebannt. Irgendwer reicht ihr ein Bierglas. Wieder stimmen die Frauen ihr Lied an und ergänzen es durch ein „Dreifach gut Holz, gut Holz, gut Holz, Holz, Holz!“
„Wir sind vom Liederkranz Concordia“, sagt einer der Männer und stimmt sogleich ein Lied an, in das alle einsteigen.
„Hoch auf dem gelben Wagen sitz ich beim Schwager vorn …“

Mechthild starrt auf das Bier in ihrer Hand und dann auf das Menschengewusel vor ihr. Ist sie in der realen Welt oder ist dies alles ein Traum? Ihre Träume sind sonst schöner. Sie schließt die Augen und versucht, ihr gewohntes Traumbild vor ihr inneres Auge zu projizieren. Den Regenbogen mit den blauen Vögeln. Langsam gelingt es ihr und die Menschen, die Musik und die Stimmen verschwinden mehr und mehr im Hintergrund. Sie lässt sich in diese anmutige Welt fallen und schwebt dahin. Sie wird ruhiger und ruhiger. Selbst um sie herum erscheint alles still.
„Du kannst aber schön singen.“
Mechthild schrickt aus ihrem Traum auf und blickt einer Frau in das lächelnde Gesicht. Ihr rotes Haar leuchtet so intensiv, dass Mechthild sich die Augen reiben muss.
„Singst du auch im Chor?“, fragt die Frau.
Hat sie gesungen? Es war ihr gar nicht bewusst.
„Nein“, kann sie nur stammeln, während sie sich wieder umsieht und enttäuscht wahrnimmt, dass dies tatsächlich die Realität zu sein scheint. Die Frau hält ihr ein Bierglas hin.
„Hier, dein Glas. Du hättest es fast fallen gelassen.“
Mechthild greift das Glas, sie prostet ihr zu und beide nehmen einen Schluck. Mechthild schüttelt sich. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie zuletzt Bier getrunken hat.
„Ist eine nette Truppe, euer Kegelklub.“
Mechthild betrachtet die Frauen, die sich angeregt mit den Männern unterhalten. Uschi scheint ganz besonders in ihrem Element zu sein. Sie ist bereits im Gang und ein Mann hat den Arm um sie gelegt.
„Ich habe sie gerade erst kennengelernt.“
„Gehörst du nicht zu ihnen?“
„Nein.“
„Was hat dich denn hier hingeführt?“
„Ich bin entführt worden.“ Mechthild seufzt dies mehr, als sie es sagt.
„Du meine Güte! Das ist ja entsetzlich! Was willst du denn jetzt tun?“ Die Frau setzt sich auf den Platz neben ihr.
„Ich kann nichts tun.“ Mechthild schluckt. Die Aussichtslosigkeit ihrer Situation erscheint wie ein überdimensioniertes Werbeplakat vor ihrem inneren Auge.
„Man kann immer etwas tun“, sagt die Frau mit beruhigender Stimme und streift mit einer Hand leicht über Mechthilds zuckende Schulter, „und es ist gut, Angst zu haben. Man darf sich nur nicht von ihr kontrollieren lassen.“
Mechthild sieht sie überrascht an. Was meint sie damit? Was soll sie denn jetzt tun? Sie hängt in diesem Sambazug fest unter singenden Männern und mannstollen Frauen mit Schnapsfläschchen. Kann eine Situation aussichtsloser sein?
Als ob die Frau ihre Gedanken lesen könnte, antwortet sie darauf: „Die Situation ist nicht aussichtslos. Du bist hier unter netten Menschen und ihr werdet bald am Ziel ankommen. Dort wird es Möglichkeiten geben.“
Mechthild starrt sie verwirrt an. Die Frau lächelt.
„Und singe ruhig noch etwas. Du singst schön und es wird dir vielleicht einmal helfen.“
Wieder legt sich die Hand der Frau sanft auf Mechthilds Schulter. Das ist zu viel für die gebeutelte Mechthild. Die Tränen brechen aus ihr heraus. Sie schluchzt laut und vergräbt das Gesicht in ihre Hände.

„Mädels, kommt mal her. Wir müssen unsere Mechthild aufheitern“, ruft Ruth die anderen Frauen zusammen. Alle quetschen sich in das Abteil und schauen auf Mechthild, die sich die Tränen abwischt. Aus dem Tränennebel blickt sie in die besorgten Gesichter der fünf Frauen. Walli hält ihr die Plastikdose entgegen.
„Möchtest du noch ein Frikadellchen?“
„Walli, nun pack doch mal deine Plastikdose weg. Unsere Mechthild hat andere Probleme“, schimpft Else.
Mechthild greift auf den Platz neben sich, aber der ist leer. Suchend lässt sie die Blicke durch das Abteil kreisen, aber die rothaarige Frau ist nirgends zu sehen.
„Wo ist die Frau?“, fragt sie in die Runde.
„Welche Frau?“, erwidert Else.
„Na, die Rothaarige, die gerade neben mir saß.“
Die Frauen schauen sich fragend an.
„Hier war keine Rothaarige“, sagt Else irritiert.
Wieder beginnt Mechthild zu schluchzen.
„Ach Kindchen, lass dich nicht unterkriegen. Wir regeln das schon. Wir helfen dir.“ Ruth hat wieder das Kommando übernommen.
„In einer Stunde sind wir am Ziel und dann gehen wir direkt zur Polizei. Lasst uns noch einen trinken, Mädels.“
Fläschchen werden wieder rumgereicht und das Trinkritual abgespielt.
„Komm mit und mische dich etwas unter die Jungs. Das bringt dich auf andere Gedanken.“
Ruth klopft ihr auf die Schulter und Mechthild steht zögerlich auf. Was bleibt ihr anderes übrig, als sich dem Schicksal zu fügen. Und nett sind sie ja, die flotten Bienen. Walli tritt neben sie.
„Ein paar Frikadellchen habe ich noch.“ Sie hält ihr die Plastikdose hin.
„Walli!“, rufen die anderen unisono. (...)


Rezension hier im SALON



Die Autorin
Vera Nentwich wurde im Juni 1959 im Sternzeichen Krebs geboren. Sie wuchs mit zwei jüngeren Brüdern heran und fügte sich, so gut sie konnte, in das ihr vorgegebene Leben. Dieses Leben führte sie zu Dingen, wie Eishockey, einer Lehre zum Werkzeugmacher, dem Studium der Verfahrenstechnik, der Tätigkeit für ein amerikanisches Direktvertriebsunternehmen und einer Hochzeit. Während allen diesen Stationen schrieb sie. Sei es Texte in Programmzeitschriften, Kolumnen oder Geschichten.
Im Jahr 1994 entschloss sie sich, das vorgegebene Leben zu verlassen und stattdessen die eigenen Vorstellungen umzusetzen. Aus der schon zuvor gestarteten Tätigkeit als IT-Beraterin wurde eine Firma, deren geschäftsführende Gesellschafterin sie heute ist. Aus der Hochzeit wurde eine Scheidung und das Leben wurde durch Theaterrollen, Musik und Gesang bereichert. Dabei schrieb sie weiter. Neben den Kolumnen nun auch Songs und schließlich den ersten Roman, dem weitere folgten.


Vera Nentwich, Rausgekickt: Blaue Vögel

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13. September 2013

Rike Stienen, Kein Traumprinz ist einer zu wenig



Kerstins Koffer ist für den lang geplanten Besuch bei ihrer Freundin Laura auf Sylt gepackt. Doch einer ehemaligen, berühmten Boygroup fällt es plötzlich ein, ihr Comeback auf Mallorca zu starten, und ausgerechnet Kerstins Eventagentur wird mit der Organisation beauftragt. Keine Frage, dass der Urlaub dem Job und ihrem Chef Robert zuliebe ausfallen muss. Damit nicht genug: Statt von ihrer Teamkollegin Monika wird Kerstin von Mario, einem deutsch-spanischen Macho-Charmeur, begleitet, der auf der Insel dem Geheimnis seiner Vergangenheit auf der Spur ist. Dass der gemeinsame Auftrag nicht ohne Komplikationen verläuft, versteht sich daher von selbst. Auch Laura kämpft auf Sylt gegen eine Katastrophe: Das Ex-Schwiegermonster steht plötzlich vor ihrer Tür und nistet sich ungefragt in ihr frisches Liebesnest mit Sven ein.



Leseprobe:


Kapitel 1

Es gibt Tage, an denen man besser unter der Bettdecke bleiben, nicht ans Telefon gehen oder in seine Mails schauen sollte. Sonst kann es passieren, dass das ganze Leben plötzlich auf den Kopf gestellt wird, ohne dass man in der Lage ist, Einfluss darauf nehmen zu können.
Kerstins Tag beginnt mit dem Gedanken, eine vermeintlich sorglose Zeit vor sich zu haben. Keine Verpflichtungen oder stressigen Situationen, kein Jetlag oder Druck, den Job nach allen Regeln der Kunst einer Eventmanagerin zu meistern.
Es ist einfach herrlich, den Cappuccino im Nachthemd draußen auf der Terrasse bei wolkenlosem Himmel zu genießen, ein frisches Kräuterrührei mit Baguette zu essen, den Blick über die Stadt schweifen und dabei die Seele baumeln zu lassen, während unten die Menschen hektisch zur Arbeit eilen oder im Stau ungeduldig warten. Viel zu selten kommt Kerstin zu diesem Vergnügen. Heute ist es endlich nach vielen, arbeitsamen Monaten, ach was, Jahren soweit. Sie hat Urlaub.
Ihren derzeitigen Lieblingssong vor sich hin pfeifend, öffnet sie nach dem Frühstück ihren Kleiderschrank, an dessen Innentür eine Art Poster hängt. Es ist an den Ecken etwas ausgefranst und die Klebestreifen sind erneuerungsbedürftig. Einem weiteren Umzug dürften sie wohl kaum standhalten. Darauf steht zu lesen:



W A N T E D

only alive

Gesucht wird der Mann mit folgendem Steckbrief:

- trägt keine Sandalen mit weißen Tennissocken
- wendet die Grundsätze aus dem Knigge an
- konsumiert nur eine Droge: Kerstin
- benutzt die Toilette wie eine Frau
- ist nicht älter als 35 mit der Weisheit eines 70-Jährigen
- bleibt gelassen, wenn Kerstin am Steuer sitzt
- bekommt eine Pinocchionase, wenn er lügt
- hat die Nabelschnur gleich nach der Geburt durchtrennt
- verfügt über einen IQ von mindestens 120 und setzt ihn auch 
ein
- seine Küsse schmecken nicht nach Aschenbecher

Zusammen mit Laura hat Kerstin diesen Steckbrief in einer lauen Sommernacht vor einigen Jahren mit viel Spaß und Kichern entworfen, woran das gleichzeitige Konsumieren des Inhalts einer Flasche Rotwein nicht ganz unschuldig war.
Ohne das Papier eines Blickes zu würdigen, inspiziert Kerstin den Inhalt ihres Kleiderschranks von oben bis unten und zieht ihre Stirn kraus. Was soll sie alles für Sylt in den Koffer packen? Es ist zwar Frühsommer, aber Laura hat oft von starkem Wind und dementsprechend kühleren Temperaturen gesprochen. Da hilft nur eine Lösung: Schnell die Freundin anrufen und sich beraten lassen. Gedacht, getan. Schon sucht der Finger auf dem Festnetzdisplay Lauras Nummer und drückt auf den grünen Hörer. Es dauert keine zwei Sekunden, bis sie sich meldet.
„Hatte irgendwie im Gespür, dass du heute noch anrufst. Ist dein Koffer schon gepackt?“, ertönt ihre vertraute Stimme gut gelaunt.
„Du hast anscheinend telepathische Fähigkeiten.
“ (...)



Rezension folgt...



Die Autorin
Rike Stienen lebt mit ihrer Familie in der Nähe des Chiemsees. Sie studierte Rechtswissenschaften und Romanistik. Bevor sie eine Ausbildung zur Drehbuchautorin absolvierte, arbeitete sie als Rechtsanwältin und Mediatorin. Heute entwickelt sie Stoffe für diverse Filmproduktionen, am liebsten romantische Komödien, die im Alpenvorland oder vor exotischer Kulisse spielen. Daneben entstehen Kurzgeschichten und Romane.




Rike Stienen, Kein Traumprinz ist einer zu wenig

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10. September 2013

Holger Hoyck, 40 Mille



Wenn unverhofft ein Betrag mit 8 (!) Zahlen vor dem Komma auf dem Konto auftaucht, das nennt man mit Fug und Recht eine schwarze Zahl.
Für den Langzeitstudenten Sören ist es der Auslöser für ein furioses Durcheinander, aus dem hier nur drei Fragen ans Licht gezerrt werden sollen: Wie lange kann ein Gouda im Kühlschrank liegen? Kommt in der Geschichte wirklich ein Vulkan vor? Und was sagt Eddie dazu? Wer ist überhaupt Eddie? Ok, das waren vier Fragen.







Leseprobe

Neuer Kontostand: 39.999.561,45 DM

Auf jeden Fall musste es sich um eine Fehlbuchung handeln, und dafür gab es nicht mal Finderlohn.
Das wusste er bereits aus eigener Erfahrung, denn vor zwei Jahren war ihm derartiges schon mal passiert. Da hatte er beim Überfliegen seiner Kontoauszüge festgestellt, dass man ihm erst knapp zweieinhalbtausend Mark überwiesen und nach zwei Tagen wieder storniert hatte. Er hatte sich damals erkundigt, was das denn war, denn auch die zwei-fünf hatten ihn kurzzeitig in ein unbeschreibliches Glücksgefühl versetzt und der Frust war groß, als er zwei Einträge später auf die Stornobuchung stieß. Aber man hatte ihm damals in der Bank erklärt, dass es mit einer an niemals grenzenden Wahrscheinlichkeit vorkam, dass Geld aufs falsche Konto floss und dass die Banken in einem gewissen Zeitraum das Recht (und die Pflicht mein Herr) hätten, dieses Geld ohne vorheriges Einverständnis des Kontoinhabers zurückzubuchen.
Eigentlich hatte er dem damaligen Erlebnis überhaupt zu verdanken, dass er heute bei jedem Besuch einer Bank auch seine Kontoauszüge zog. Er hatte halt seitdem das Bedürfnis, diesen Leuten ein wenig auf die Finger zu sehen, die so gemein waren, einem erst Polsterkissen aufs Konto zu packen und dann - ätsch - gleich wieder unter dem Hintern wegzuziehen.
Er rang nach einem passenden Kraftausdruck. Bankenbonzenschweine oder so, na jedenfalls war es gemein, einen armen Schlucker mit solchen Buchungen quasi zu quälen und um seine Gemütsruhe zu bringen. Wenn er noch lange auf diese Auszüge starrte, würde er noch in katatonische Zuckungen verfallen, Schaum würde vor seinen Mund treten und er würde beginnen, in Zungen zu reden. Die Segelfetischisten vom Nebentisch hätte dann das Vergnügen, nach den Männern in den weißen Kitteln zu rufen. Er würde als lallendes Bündel in einer kleinen Zelle enden und seine Tage damit verbringen die vierzig Millionen kleine weißen Mäuse zu zählen, die alle mit dem Gesicht des Hundert Mark Scheins um ihn herumtanzen und.... wobei ihm einfiel, dass er sich gar nicht sicher war, ob auf dem Hundert Mark Schein ein Gesicht war.
Auf jeden Fall konnte einem ein solch nachgerade grausiger Fund auf dem Kontoauszug richtig den Tag versauen. Na was solls, das Blatt mit dem neuen Kontostand würde er sich aufheben, so ein Haben wäre sicherlich nicht nochmal zu haben - auch in seinen nächsten sechs Leben nicht.
Er überlegte, ob sich nicht ein Weg finden ließ, der ganzen Geschichte etwas Positives abzugewinnen.  Auf jeden Fall konnte er mit Eddie eine Wette um eine Kiste Bier abschließen, dass dieser nicht in der Lage sei, um tausend Mark gerundet den aktuellen Stand seines Girokontos zu erraten. Oder er könnte versuchen, auf der Basis des heutigen Kontostandes eine Kreditkarte zu beantragen, American Express Mastercard Gold oder so ähnlich, oder er könnte seinen Dispo auf dieser Grundlage etwas vergrößern, oder …

„Hallo Sören, was läuft denn hier?! Machst du gerade grande Siesta, oder wie?“
Er zuckte zusammen, als wäre er vom wilden Affen gebissen. Vor ihm stand Vera, eine Studentin der Musikwissenschaften, die er als Tagschichtablösung von der Taxe her kannte. Flüchtig kannte, da sie nur Sonntag Tag fuhr und er nur mit ihr ablöste, wenn er mal ausnahmsweise die darauf folgende Nacht mitnahm, weil da immer ein Wagen zu kriegen war. Neben ihr standen noch zwei Leute, anscheinend eine Freundin und deren Heinz, was er daraus schloss, dass zwischen die beiden keine Mikrobe mehr gepasst hätte.
Das Blut schoss ihm ins Gesicht, zum einen, weil Vera durchaus das Zeug hatte, dass ihm die Ohren glühten. Aber außerdem kam er sich fast so vor, als hätte man ihn gerade dabei ertappt, wie er auf offener Straße ohne Hose herumlief, denn er musste die ganze Zeit wie wahnsinnig auf die Kontoauszüge gestarrt haben.
Er steckte die Auszüge so hastig in die Tasche, als wären Sie ein Original Bekennerbrief der Bewegung 2.Juni und zwang seine Augäpfel wieder in die Höhlen zurück.

„Hallo zurück“ sagte er mit leicht krächzender Stimme und versuchte verzweifelt, die Contenance zu wahren, „was hier läuft? Ich habe keine Ahnung, wo die alle hin wollen, ich sitze jedenfalls schon eine ganze Weile hier und schaue mir das an, man gönnt sich ja sonst nichts.“ Dabei wies er mit großer Geste auf die vor dem Café vorbei eilenden Mitbürger und -konsumenten und dachte gleichzeitig, dass er sich mit diesem Gefasel vermutlich definitiv disqualifiziert hatte. Jedenfalls in Veras Augen, die beiden siamesischen Zwillinge in ihrer Begleitung litten offensichtlich an einem akuten Anfall von Triebstau und waren für akustische Feinheiten nicht zu haben.
Vera allerdings lachte nur und setzte sich dann mit den beiden an den freien Nebentisch direkt neben Sören, also in die 'Her mit den Walnüssen'-Position, die er mit Eddie sonst einnahm. „Was liest du denn da?“, wollte sie zu allem Überfluss noch wissen.
Falsche Frage, falsche Frage, aus dem Stand begannen seine Ohren zu brausen. Das konnte er jetzt keinem Menschen erzählen, das war einfach der ganz falsche Film. Aber sie hatte dermaßen ins Schwarze getroffen, dass es ihm komplett die Sprache verschlug und das war ihm eigentlich unerinnerbar lange nicht mehr vorgekommen.
Mit seinen roten Ohren wäre er in diesem Augenblick wohl in der Lage gewesen, auf jeder halbwegs gut befahrenen Verkehrskreuzung einen kapitalen Verkehrsstau auszulösen.

Die Leere, die sich auf einmal in ihm ausbreitete, wurde so greifbar, dass auf einmal die Bootsdiskussion am Nebentisch abrupt auf Grund lief und sogar die Love-Story an Veras Tisch kurzzeitig ins Stocken geriet.
Die Hosentasche, in die er die Kontoauszüge gestopft hatte, schien sich auszubeulen und er wurde sich mit schmerzhafter Intensität der Tatsache bewusst, dass allen Ernstes sein Unterkiefer begann, leicht debil herunterzuhängen.
Er klappte reflexartig die Zähne mit derartigem Nachdruck zusammen, dass man es knallen hören konnte. Als hätte ein Krokodil gerade gefrühstückt, schoss es ihm durch den Kopf.
Dann war der Moment vorbei und die banale Antwort bahnte sich ihren Weg. „Ach nichts“, sagte er und schon war wieder Ende der Fahnenstange.
Vera guckte jetzt auch etwas irritiert, denn bei ihren letzten Begegnungen hatte er sich durchaus bemüht, ein wenig mit ihr zu parlieren und dabei auch schon durchblicken lassen, dass er sich an eine Verabredung heranpirschte.
Aber im Augenblick war einfach nichts zu wollen und durch seine leergefegten Hirnwindungen pfiff der frostige Wind unheimlicher Blödheit und unsterblicher Blamage.
Um wenigstens in Ansätzen noch als Akteur wahrgenommen zu werden, wandte er sich hastig seinem Cappuccino zu und nahm einen reichlichen Schluck. Damit war das Desaster dann allerdings perfekt. Das Getränk hatte sich in eine klirrend kalte Kloake verwandelt und schon rann die Brühe gluckernd seine Speiseröhre herunter. Zu allem Überfluss hatte er aber auch über seinen monetären Betrachtungen völlig vergessen, das bergbaufachliche Ritual mit dem Schaum durchzuziehen, und nun klebte ihm ein reichlicher Brocken über der Oberlippe, und als Ergebnis seiner ungebührlichen Eile rann auch noch ein Rinnsal am Mundwinkel nach unten.
Vera lachte wieder, ein glockenhelles Lachen, diese Bezeichnung hatte es sich verdient. Sörens Entsetzen über die eigene Darbietung wich großer Erleichterung und Dankbarkeit, denn gleich darauf zog sie praktischerweise ein Papiertaschentuch aus der Jackentasche und tupfte ihm in betörender Direktheit einfach den Schnodder von der Lippe.
„Aber bitte mit Sahne“ sang sie scherzend und schüttelte dabei leicht den Kopf.
Er stimmte in das Lachen ein. „Das muss ein Zeichen sein“, sagte er. „Bitte nicht falsch verstehen, aber ein Mann muss erkennen, wenn es besser gewesen wäre, nicht aufgestanden zu sein. Und er muss dann auch den Mut haben, diesen fatalen Schritt wieder rückgängig zu machen. Ich muss auf der Stelle nach Haus.“ Um wenigstens im Abgang Größe zu zeigen, zog er den losen Zehnmarkschein aus seiner Tasche, warf ihn aus dem Handgelenk auf den Tisch und schritt erhobenen Hauptes davon, leider immer noch mit roten Ohren. Aber die Szene hatte gesessen, zumindest Vera und der angrenzende Segelsportverein schauten sprachlos hinter ihm her.(...)


Rezension folgt ...

 

Über den Autor

Holger Hoyck (Jahrgang 1959) lebt in der Nähe von Göttingen und hat sich erst vor kurzem dem Schreiben zugewandt („da hatte ich schon lange eine Rechnung offen“).
Der Vater von drei Töchtern ist außerdem als Musiker unterwegs – und in der deutsch-indonesischen Band 'Sayur Mayur' für die Texte zuständig.


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