Salon

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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

30. November 2014

Simone Keil, Klänge von Schnee



Als ich dich zum ersten Mal bemerkte, warst du nicht mehr als ein Flirren in der Luft, ein kaum merklicher Temperaturabfall, eine Blüte, die sich einen Sekundenbruchteil zu schnell schließt, während die Sonne daran denkt zu sinken.
Und dann falle ich aus der Zeit, ich falle und schlage mir den Hinterkopf auf dem Asphalt auf …

Eine junge Frau, die auf der Suche ist – nach einem unbekannten Du, nach ihrer Vergangenheit, nach einem Weg in die Zukunft.
Ein alter Mann, der sein Leben vergessen hat und nur noch in nebligen Erinnerungen und in den Geschichten seiner Bücher existiert.
Zwischen den beiden entwickelt sich eine Bindung, die ungewöhnlich ist, abseits jeder Norm verläuft und beiden hilft sich zu lösen – von ihrer Vergangenheit und schließlich voneinander.

Klänge von Schnee ist eine Geschichte voller Geschichten, eine Geschichte vom Vergessen und Erinnern, eine Geschichte von Verlust und vom Finden.
Klänge von Schnee ist kein Liebesroman, aber voll von Liebe.


Leseprobe

Fallen

ALS ICH DICH zum ersten Mal bemerkte, warst du nicht mehr als ein Flirren in der Luft, ein kaum merklicher Temperaturabfall, eine Blüte, die sich einen Sekundenbruchteil zu schnell schließt, während die Sonne daran denkt, zu sinken.
Und dann falle ich aus der Zeit, ich falle und schlage mir den Hinterkopf auf dem Asphalt auf.
Später würde ich sagen, mir ist schwindelig geworden. Die Hitze, würde ich sagen, das verdammte Wetter ist schuld. Und alle würden nicken, das verdammte Wetter. Man sollte Wetter generell verbieten, sollte Sonnenschein und Regen rationieren und dem Wind eine Geschwindigkeitsbegrenzung auferlegen und ihm ein saftiges Bußgeld aufbrummen, falls er sich nicht daran hält.
In Wahrheit sage ich gar nichts, denn ich weiß nicht, dass du der Auslöser für meinen Fall warst. Meinen Fall aus der Zeit. Niemand stellt mir Fragen und ich sage nichts übers Wetter, die Sonne, den Wind. Ich registriere nur, dass ich aus der Zeit gefallen bin. Wie eine Schneeflocke, die im Frühling auf einem Blatt landet, und noch während sie bemerkt, dass irgendetwas nicht richtig ist, schmilzt.
Die Welt kommt mir kleiner vor, seit ich dich spüre. Ich lasse meine Hand durch die Wolken gleiten, sie sind kühl und ein wenig rau zwischen meinen Fingern. Die Menschenmassen teilen sich vor mir und schließen sich hinter mir wieder, als würden sie mich nicht bemerken und als würden sie nicht bemerken, dass ich weiß wie traurig sie sind. Wie könnten sie glücklich sein, in ihrer Welt, in der du nicht existierst?
Bevor ich aus der Zeit fiel, war ich auf dem Weg nach Irgendwo. Ich kann mich nicht erinnern, wo das ist und was ich dort wollte, wie es dort aussah, wie es roch, wie es sich anfühlte dort hin zu gehen. Kann man im Irgendwo ankommen? Ist das möglich? Vielleicht ist das Irgendwo ein Paradoxon, geschaffen zu keinem anderen Zweck, als dort hin zu gehen und hin zu gehen und niemals anzukommen. Solange man auf dem Weg ist, ist einem nicht klar wie paradox es ist, erst wenn man stillsteht erkennt man, dass man die ganze Zeit nur sinnlos gelaufen ist. Und dann verzweifelt man. Oder man fällt aus der Zeit, wenn man spürt, dass das Leben nicht im Irgendwo stattfindet.
Ich weiß nicht wie lange ich noch gelaufen wäre, wenn ich dich nicht in der Luft, in den Wolken, selbst im Asphalt gespürt hätte. Du bist. Nicht im sinnlosen Irgendwo, du bist hier, du wirst mich finden.
Die vorbeifahrenden Autos ziehen Schlieren hinter sich her, als durchbrächen sie Wasserfarben, die der Fahrtwind dann von ihren Karosserien bläst und auf der Leinwand der Stadt verteilt. Scheinbar willkürlich, aber nichts geschieht willkürlich, alles ergibt einen Sinn, selbst das Chaos folgt geordneten Strukturen.
Bevor ich aus der Zeit fiel, muss ich irgendetwas mit meinem Leben angefangen haben. Ich erinnere mich, dass meine Mutter sagte, fang etwas mit deinem Leben an und das habe ich ganz sicher beherzigt. Jetzt sieht sie mich manchmal mit einem Blick an, der meine Fußsohlen kribbeln lässt. Dann möchte ich loslaufen, laufen, weiterlaufen. Aber bevor ich den Gedanken zu Ende denken kann, hat sie ihren Blick von mir abgewandt und ist längst mit anderen Dingen beschäftigt. Dinge, die wichtig sind, Dinge, die erledigt werden müssen. Ich frage mich, wie sie so schnell umdenken, umkehren, weitermachen kann und dann erinnere ich mich, dass sie nicht aus der Zeit gefallen ist. Das bin ich.
Die Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf mich. Jetzt. Früher war das anders, aber früher ist eine alte Postkarte, die man in einem Schuhkarton im obersten Fach des Kleiderschranks findet. Die meisten Menschen ignorieren mich, ihre Blicke streifen manchmal die Konturen meines Körpers, aber sobald sie ihn berühren, werden sie abgelenkt, gleiten an einer unsichtbare Schiene entlang, die an meinen Armen hinauf über meinen Kopf führt. Einige wenige sehen mich direkt an, zweifelnd, ängstlich, nicht selten wütend, aber immer kopfschüttelnd, selbst wenn sie den Kopf dabei nicht bewegen.
Warum gehst du nicht ein wenig spazieren?, fragt meine Mutter.
Ich zucke mit den Schultern, ich habe nie verstanden, wozu Spazierengehen gut sein soll. Man verlässt den Ausgangspunkt, läuft im Kreis oder Oval oder auch in anderen mehr oder weniger geometrischen Figuren durch die Gegend, um nach einer bestimmten oder unbestimmten Zeitspanne wieder am Ausgangspunkt anzugelangen. Aber sie hat wieder diesen Blick drauf, so dass ich meine Jacke nehme (nimm eine Jacke mit, es ist kühl draußen) und zwanzig Minuten vor der Haustür stehen bleibe, bis ich wieder hinein gehe.
Siehst du, sagt sie, die Bewegung an der frischen Luft hat dir gut getan, du siehst viel besser aus.
Von jetzt an gehe ich also täglich spazieren, das scheint eine Tätigkeit zu sein, die man macht, wenn man nicht aus der Zeit gefallen ist. Ich stelle mir den Wecker meiner Armbanduhr auf 10 Uhr ein und gehe nach draußen, wenn er um 11 Uhr zum zweiten Mal klingelt, gehe ich wieder rein. Das funktioniert, bis die Nachbarn aufmerksam werden und meiner Mutter Fragen stellen und sie mich wieder mit diesem Blick ansieht. Am nächsten Tag gehe ich bis zur Straßenecke und warte dort, bis mein Spaziergang zu Ende ist. Es dauert eine Woche, bis ich auch dort jemandem auffalle. Also dehne ich den Spaziergang aus. Bis zur Bushaltestelle, bis zur Grundschule, bis zu dem Frisörladen mit den Perückenköpfen im Schaufenster.
Irgendwann muss bis zum Supermarkt ausweichen und die Stunde reicht gerade noch, um umzudrehen und zurück zu gehen. Gut. Jetzt gehe ich also tatsächlich spazieren, es tut nicht weh, aber es ruft auch keine Gegenteiligen Empfindungen hervor.
Das Problem, wenn man aus der Zeit gefallen ist, ist, dass man für jede Tätigkeit einen Rahmen braucht, der von anderen Menschen als normal empfunden wird. Wenn man nicht komisch angesehen werden möchte, kann man sich nicht um 9 Uhr morgens hinsetzen und bis um 18 Uhr frühstücken. Es gibt einen Frühstücksrahmen, der die Zeit von 6 bis 10 Uhr umspannt. Ich halte mich daran und alles ist gut. Ich programmiere meine Uhr mit unterschiedlichen Start- und Stoppzeiten. Aufstehen, schlafengehen, frühstücken, duschen, anziehen, spazierengehen.
In Situationen, in denen der Weckton unangebracht zu sein scheint (meine Güte, schalte das verdammte Gepiepse aus), zähle ich. Natürlich lautlos. Oder ich singe, ebenfalls nur in Gedanken. Vorzugsweise alte 70er- oder 80er-Jahre-Songs. Die Radioversion von Total Eclipse of the Heart dauert 4 Minuten und 30 Sekunden, das ist ausreichend für ein Telefonat mit Tante Ella. Um meine Schwester abzuwimmeln (jetzt reiß dich doch endlich zusammen) muss ich die Albumversion verwenden, unter sieben Minuten gibt sie sich nicht zufrieden.
Alles läuft gut. Ich bewege mich unter den Menschen. Ich gebe vor dazuzugehören. Ich warte darauf, dass du mich findest.
Vor dem Supermarkt steht eine Bank, manchmal setze ich mich und sehe zu, wie die automatische Tür auf- und zugleitet. Ich habe den Spaziergang auf zwei Stunden ausgedehnt, muss also erst um 10 Uhr 30 zurück.
Neben dem Supermarkt steht ein altes Haus, das aussieht, als wäre es auch aus der Zeit gefallen. Nein, eher so, als würde es bald zusammenfallen, aber ich mag es; ich mag die Fensterscheiben, in denen sich nicht die Menschen spiegeln wie in den Scheiben des Supermarktes. Ich mag die abblätternde Farbe an den Rahmen und den vergilbten Putz, er sieht lebendig aus.
Die Leute hetzen an mir vorbei und sehen mich an; häufiger als sonst. Ich überprüfe meine Kleidung und stelle fest, dass ich klatschnass bin. Es regnet. Es schüttet. Wenn man nicht aus der Zeit gefallen ist, sitzt man wohl nicht im Regen auf einer Bank und sieht den automatischen Türen beim Öffnen und Schließen zu.
Ich stehe auf und unschlüssig im Regen rum, gehe vor der Bank auf und ab und zwinge mich dazu, mich nicht wieder hinzusetzen. Mein Wecker hat noch nicht gepiept.

*

P SITZT IN seinem Sessel, so wie er an den meisten Abenden in seinem Sessel sitzt, umgeben von zimmerhohen Regalen voller Bücher. In der einen Hand eine Tasse Tee, in der anderen ein aufgeschlagenes Buch. Es ist düster, zu düster zum Lesen, aber P braucht kein Licht, er kennt die Worte, kennt jedes einzelne von ihnen besser als sich selbst.
Ich kann nicht, sagt sie, ich kann dich nicht lieben. Ihre Augen sind trocken, der Schmerz sitzt zu tief, zu fest, um an die Oberfläche zu gelangen. Und dann geht sie. Die Tür fällt fast lautlos ins Schloss.
Ebenso lautlos springt Dienstag auf Ps Schoss und macht es sich auf dem Buch bequem. Dienstag stört sich nicht an Ps Geruch nach Staub und klammem Papier, und P selbst nimmt ihn nicht mehr wahr. Er krault Dienstag hinter den Ohren, nimmt einen Schluck Tee und schließt die Augen.
Ihr Parfum hängt immer noch im Raum, als der Mann den Koffer schließt und sich ein letztes Mal in dem kleinen Motelzimmer umsieht.
In weniger als zehn Minuten wird ihr Auto auf den Bahnschienen liegen bleiben, sagt P, und dann ist die Geschichte endgültig zu Ende. Doch eigentlich war sie das schon, als sie gegangen ist. Ich mag das zweite Ende nicht. Dienstag schnurrt zustimmend und P zieht das Buch unter ihr hervor und klappt es zu. Zeit für's Bett, sagt er. Vielleicht sagt er es auch nicht, manchmal ist sich P nicht sicher, ob es Worte sind, die er hört oder Gedanken oder das Flüstern der Bücher.
Bücher sind merkwürdige Lebewesen. Schweigende, lärmende, lippenlos Worte formende Körper; eitle Gesellschafter, die sich nach Beachtung sehnen. Wenn P am Abend eines auswählt, schwillt dessen Brust und man kann seine Freude spüren, aber auch Verachtung, weil P seine Zeit an den vorherigen Abenden mit uninspirierten, trivialen Geschichten verplempert hat.
P kann nicht schlafen. Schon seit etlichen Jahren verbringt er die Nächte in einem Zustand zwischen Halbwachsein und erschöpftem Stürzen und Aufschrecken. In den kurzen Schlafphasen träumt er nicht, denkt nicht, liest nicht. Vielleicht ist das der Grund für sein Nichtschlafenkönnen. Schlafenkönnen bedeutet Nichtlesenkönnen und Nichtlesenkönnen bedeutet tot zu sein. Vielleicht ist seine Schlaflosigkeit auch schlicht altersbedingt, denn P ist alt, sehr alt. Um sicher sagen zu können, wie alt er tatsächlich ist, müsste er in seinem Personalausweis nachsehen, aber den hat er verlegt, als im Fernsehen noch Ansagerinnen das Programm bekannt gaben.
Nicht, dass P fernsehen würde; er mag die flimmernden Bilder nicht, die Farben, die Stimmen, die unsinnigen Sendungen. P liebt Bücher, liebt, wie sie sich in seine Handfläche schmiegen, wie sie ihm zuhören, antworten; er lebt mit und in ihnen.
Die Nacht geht vorbei wie alle Nächte. P liest, P liest Dienstag vor, P nickt ein und schreckt auf und liest bis zum Morgen.

*

ÜBER DER TÜR hängt eins dieser altmodischen Geläute. Es klimpert verstimmt und pendelt nur langsam aus, als das Mädchen den Laden betritt. Sie bleibt dicht hinter der Tür stehen, bis das Klingeln verstummt. Sie sieht sich in dem Raum um wie jemand, der gerade aufgewacht ist und sich fragt, welcher Tag wohl sein mag, welches Jahr, welches Leben, und wie er da wohl hingeraten ist.
Sie sieht nicht aus wie die Mädchen, die sich manchmal in den Laden verirren, auf der Suche nach Dingen, die sie hier nicht finden werden, sie sieht aus, als gehörte sie nicht hierher und als gehörte sie nirgendwo anders hin.
P wartet. Gleich wird sie wieder gehen, das tun sie alle, wenn sie feststellen, dass es hier nichts zu bestaunen gibt, außer einem alten Mann inmitten alter Bücher. Aber das Mädchen geht nicht. Sie steht dicht hinter der Tür und tropft den Fußboden voll.
P legt das Buch zur Seite, in dem er gelesen hat, und räuspert sich. Sie sieht ihn an und sieht auf ihre Füße. Sie legt die Stirn in Falten und kräuselt die Nase, als wolle sie einen Gedanken herauspressen, und sieht dabei verloren aus. Trüge sie rote Schuhe, sie würde jetzt die Hacken zusammenschlagen und sich fortwünschen.
P ist unsicher. Er streicht über den Buchrücken, fährt mit den Fingerspitzen den geprägten Titel nach, dann setzt er sich wieder auf den Stuhl hinter dem Tresen und liest. Doch er kann nicht mehr in die Geschichte finden. Sie passt einfach nicht; passt nicht zu der Situation, passt nicht zu dem Regenmädchen, dessen Zähne hinter den blassen Lippen klappern. Er steht auf und geht an den Regalen entlang, berührt das eine oder andere der Bücher, die sich ihm erwartungsvoll entgegenrecken.
Sonne, denkt er, Wärme, denkt er. Er zieht ein besonders zerfleddertes Exemplar aus dem Regal und lächelt. Wie viele Winternächte hat ihn dieses Buch schon gewärmt? Wie viele Male hat er das Gesicht in afrikanische Sonne gehalten, wie oft den Trommeln gelauscht?
Er blättert durch die lockeren Seiten und liest. Zuerst nur leise, aber als das Mädchen sich nicht zu ihm umsieht, lauter, mit festerer Stimme, und schon bald ist er fort. Schon bald ist der Laden nur noch eine neblige Erscheinung am Rande des wirklichen Lebens.
P liest von Mangrovenbäumen, riecht brackiges Flusswasser, lässt die Hände durch das wuchernde Seegras streifen, zupft sich einen Blutegel vom Unterarm und wirft ihn achtlos ins Wasser. P lacht und weint und schmiegt sich an den weichen, vertrauten Körper neben ihm.
Erst als ein Piepen in sein Bewusstsein drängt, blickt er auf und sieht, wie die Tür zufällt. Das Mädchen ist gegangen, nur ein nasser Fleck auf dem Boden zeugt davon, dass sie tatsächlich existierte. (...)


Die Autorin
Simone Keil, geboren 1971, lebt und arbeitet in Hessen. Seit den ersten Leseversuchen hat sie ihr Herz an Märchen und phantastische Geschichten verloren. Zum Schreiben fand sie relativ spät, kann es aber seit dem nicht mehr lassen.

Die Themen ihrer Bücher sind breitgefächert und lassen sich nur schwer in Schubladen pressen. Sie hat Romane aus den Genres Fantasy und Steampunk veröffentlicht, und ist nun im Gegenwartsroman mit phantastischen Anklängen angekommen – dort fühlt sie sich zu Hause.


Simone Keil, Klänge von Schnee

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28. November 2014

Lena Paul, Ab heute ist es MEIN Leben



Als Sarah, Mara-Erin und Karla in New York ankommen, haben sie nicht mehr viel zu verlieren. Sie sind nicht nur unglücklich mit ihrem Leben. Nein, sie haben, jede für sich, mit einem dramatischen Schicksal zu kämpfen, das sie lähmt und dunkle Schatten auf ihr Dasein wirft. Vor diesen Schatten flüchten sie in den Big Apple.

Zufällig begegnen sich die drei Frauen auf den Straßen Manhattans und merken schnell, dass sie mehr verbindet, als ein gemeinsames Reiseziel. Aus Fremden werden Freundinnen und die Stadt, die niemals schläft, bringt jeder von ihnen auf eine andere Weise Glück. Denn ihre Reise in die Metropole entwickelt sich für Sarah, Mara-Erin und Karla zu einer Reise zu sich selbst und zu einem Wendepunkt.

Gemeinsam beginnen sie ihr Leben auf den Kopf zu stellen.


Leseprobe

Auf den Straßen New Yorks lernt man für das Leben.
Wenn drei Menschen auf dieser Welt genau das begriffen hatten, dann waren es Sarah, Mara-Erin und Karla.
Als sie sich das erste Mal in dieser für sie schicksalshaften Stadt trafen, hatten sie noch keine Ahnung, dass New York sie nicht nur zu Verbündeten, sondern auch zu besten Freundinnen machen würde.
Eines besaßen sie jedenfalls gemeinsam, noch bevor sie sich überhaupt kannten: Sie alle hatten nicht nur einen Koffer voll Gepäck mitgebracht, sondern jede einzelne hatte eine Geschichte zu erzählen, die sie hierhergebracht hatte.
Die Gründe ihrer Reise in diese Stadt, die niemals schläft, waren unterschiedlich und doch so gleich: Sie alle drei wollten weg, weit, sehr weit weg, und so führte sie ihr Weg im Sommer 2007 in den Big Apple.

Drei Jahre nach ihrer ersten Begegnung saßen sie hoch oben über der Stadt in einer Bar bei einem Drink und redeten über ihren aktuellen Lebensstatus.
Wie aus dem Nichts sprach Karla eben diesen einen, bedeutungsvollen Satz aus, und mit einem Mal herrschte Stille. Sie sahen sich an. Jede von ihnen wusste, dass nichts mehr auf sie zutraf, als diese zehn Worte, und dass kein Autor dieser Welt ihr Leben hätte besser in Worte fassen können. Sarah schluckte und machte große Augen, um zu verhindern, dass ihr die Tränen, die sich darin sammelten, über die Wangen liefen. Mara-Erin räusperte sich, brachte jedoch kein Wort heraus.
„Was?“, fragte Karla irritiert. Doch sie wusste genau, dass sie allen dreien aus der Seele gesprochen hatte, auch wenn sie das erst begriff, nachdem sie den Satz bereits gesagt hatte.
„Auf New York!“, hob Sarah nach langen Momenten des Schweigens zögernd ihr Glas und nahm einen ordentlichen Zug von ihrem Cosmopolitan.
„Auf New York und unser neues Leben!“, stimmte nun auch Mara-Erin ein, der ebenfalls die Tränen in den Augen standen, und sie stießen an.
„Wir sollten diesen weisen und wahren Satz aufschreiben, damit wir ihn nie vergessen und er uns immer daran erinnert, was wir erlebt und geschafft haben...“, schlug Sarah vor.
„Als würden wir das je vergessen!“, warf Karla ein. „Aber wenn schon einmal so viel Weisheit aus mir spricht, muss das festgehalten werden!“, stimmte sie dann doch zu. Plötzlich hatte auch sie das beklemmende Gefühl, dass gerade etwas Magisches passiert war. Sie wusste, dass sie ausgesprochen hatte, was sie alle drei seit Jahren dachten.
Sarah wühlte währenddessen in ihrer Handtasche und beförderte einen kleinen Notizblock ans Tageslicht. Nacheinander verewigten die drei Freundinnen jenen Satz auf je einem der kleinen Papierstücke und nahmen diese dann wie einen Schatz an sich.
Mittlerweile hing Mara-Erins Zettel an ihrem Kühlschrank, Karla hatte ihn an den Spiegel ihres Frisiertischchens geklebt und Sarah trug ihn in ihrem Kalender immer bei sich.
Sie waren drei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, und doch hatten sie mehr gemeinsam, als sie je geglaubt hätten, als sie zum ersten Mal auf den lauten, viel befahrenen Straßen der Mega-City aufeinandertrafen.
Es gab unzählige Parallelen in ihrem Leben. Parallelen, die sie verbanden und die ihr Leben irgendwie einfacher machten, seitdem sie sich kannten, da sie wussten, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein waren. (...)

(...)
Am Nachbartisch klappte die junge Frau entschlossen ihren Laptop zu und steckte ihn in ihre Tasche. Sie strich ihr Kleid glatt, fasste ihre langen, blonden Haare zu einem Zopf zusammen, trank den letzten Schluck ihrer Cola aus und rückte ihren Stuhl zurecht. Langsam kam sie dann auf den Tisch der drei Freundinnen zu.
„Entschuldigung...“, sagte sie zaghaft. „Ich wollte nicht lauschen, aber ich habe eben Ihr Gespräch mit angehört.“
„Bitte!?“, wollte Karla sich schon entrüsten, doch Sarah legte ihr die Hand auf den Arm und bedeutete ihr, an sich zu halten.
„Es gibt sie...“, sagte die Fremde.
„Wen?“, fragte Sarah irritiert.
„Die Frau, die alles, wirklich alles allein erlebt und überlebt hat, das Sie drei zusammen Ihre Geschichte nennen.“
„Was? Wirklich?“, fragte Mara-Erin schockiert.
„Ja!“, antwortete die Blondine.
„Aber wie, um Himmels willen, kommt man da raus?“, wollte Sarah wissen.
„Egal, wie oft man fällt, man muss immer wieder aufstehen und sich den Schmutz von den Kleidern und die Tränen aus dem Gesicht wischen. Kopf hoch, Brust raus, und nie, Ladys...“, die Fremde hob mahnend den Zeigefinger, „… man darf niemals zurücksehen.“
Sie strich Sarah über die Schulter und zwinkerte ihr zu. Dann lief sie auf die Tür zu. Kurz bevor sie diese öffnete, dreht sie sich noch einmal um, lächelte den drei Frauen zu und sagte:
„That‘s it!“

Damit entschwand die mysteriöse Frau auf die Straße, stellte sich an den Straßenrand, hielt eine Hand in die Luft und rief nach einem Taxi. Sarah, Mara-Erin und Karla sahen ihr nach, bis das Taxi im dichten Verkehr Manhattans abgetaucht war und blieben staunend zurück.
Schweigend sahen sie sich an. Wer war diese Frau, die gerade einmal so alt war wie sie? Hatte sie ihre Schicksale geteilt? War sie vielleicht diejenige, die all das allein erlebt hatte...?
Die Antwort auf diese Frage war mit einem Yellow Cab davongefahren. So wie viele Geschichten in New York in einem gelben Taxi beginnen und auch enden...

Die Autorin
Ich wurde 1980 in einer brandenburgischen Kleinstadt geboren, ging dort zur Schule und habe mit 18 Jahren eine schulische Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht. In diesem Beruf habe ich dann auch ein paar Jahre gearbeitet, meine große Liebe war er jedoch nie. Seit ich 15 Jahre alt war, wollte ich schreiben, habe meinen Traum aber erst mit 27 nach einer Reise nach New York wieder aufgenommen und endlich wahr gemacht. Zum Schreiben kam ich durch ein Schulprojekt, das mich so begeistert hat, dass ich ursprünglich Journalismus studieren wollte. Seit meinem 18. Lebensjahr war ich zudem viele Jahre haupt- wie nebenberuflich für einige Reisebüros sowohl im Büro als auch als Reiseleiterin tätig. Mein Debüt als Autorin gab ich 2009 mit meinem Buch „Miss Liberty“. Mein Roman „Herzensfreunde“ ist im März 2014 erschienen und sollte nicht mein letzter Roman bleiben. Im Oktober 2014 folgte „Ab heute ist es mein Leben“.


Lena Paul, Ab heute ist es MEIN Leben

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23. November 2014

Eddy Zack, Ebola



Der Kongo - das schwarze Herz Afrikas.
Drei Menschen treffen in einem Urwaldkrankenhaus aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein können.
Lars Petersen will illegal geschürfte Diamanten kaufen. Dr. Eduard Dupré kam vor vielen Jahren als Missionar und Arzt an den Kongo. Jetzt ist er nur noch Arzt, seinen Glauben hat er längst verloren. Und da ist seine viel zu junge Frau Zola, trotz ihres afrikanischen Vornamens gebürtige Belgierin.
Das Krankenhaus liegt am Ebola, ein Seitenfluss des Kongo, der vor vielen Jahren der Ebola-Seuche den Namen gab. Eduard Dupré hat nicht nur mit Tropenkrankheiten zu kämpfen, sondern mit ausbleibenden Lieferungen der Hilfsorganisationen, gepanschten und längst verfallenen Medikamenten. Zur bitteren Erkenntnis, vielen Patienten nicht helfen zu können, kommen noch marodierende Regierungstruppen, Rebellen und Sklavenjägern aus dem Sudan.
Da bricht erneut die Ebola-Seuche aus.


Leseproben:

(...)
Lars stieg aus und einer der Polizisten hob seine Reisetasche aus dem Kofferraum.
»Hier lang.«
In einem Vorraum stand ein kleiner Tisch, daneben ein Stuhl und eine Polizistin sagte: »Taschen leeren und Schuhe ausziehen.«
Langsam wurde es ihm doch zu blöd. Gehorsam gegenüber der staatlichen Gewalt, das hatte Grenzen.
»Wollen Sie mir nicht endlich sagen, was los ist? Ich habe den Verdacht, hier liegt eine Verwechselung vor.«
»Wenn Sie Lars Petersen sind, ganz sicher nicht. Hinter Ihnen sind wir her. Leeren Sie Ihre Taschen.«
Er legte den Inhalt seiner Taschen in einen kleinen Holzkasten auf dem Tisch, Kleingeld, ein Papiertaschentuch, seine Haustürschlüssel.
»Die Uhr«, sagte einer und folgsam band er sie ab.
»Die Schuhe«, sagte die Polizistin und er zog sie aus.
Ein Mann in Zivil betrat den Raum, sah fragend in die Runde.
»Alles glatt gegangen?«
Alle nickten.
»Lars Petersen?«
»Ja. Und Sie sagen mir jetzt hoffentlich, was hier los ist.«
»Ich bin Oberstaatsanwalt Borgmann. Wir beschuldigen Sie des Mordes. Morgen früh werden Sie dem Haftrichter vorgeführt, der wird Ihnen den Haftbefehl eröffnen. Theoretisch kann er unseren Antrag ablehnen, aber das ist bei der Beweislast eher unwahrscheinlich.«
»Sagen Sie mir auch, wen ich umgebracht haben soll?«
»Sie haben vor einer Woche Michael Goldberg in einer Tiefgarage erschossen. Wir können das Verfahren auch abkürzen. Wollen Sie dazu jetzt eine Aussage machen?«
Wie vom Donner gerührt saß Lars auf dem unbequemen Holzstuhl. Er sollte Goldberg erschossen haben! Er wusste nicht mal, dass der tot war.
»Haben Sie es nicht noch ein kleines bisschen dicker? Ich soll Goldberg erschossen haben? Wann bitte soll ich das getan haben?«
»Sie stellen hier keine Fragen, Herr Petersen, das ist mein Privileg. Haben Sie oder haben Sie nicht?« (...)

*

(...)
Nicht gerade ein idealer Ort, Diamanten zwischen Biergläsern hin und her zu schieben.
»Aus dem Kongo. Geschliffen sind sie rund zweihunderttausend wert«, sagte Philo. Ob Dollar oder Euro ließ er offen, aber in diesen Größenordnungen spielte das keine entscheidende Rolle.
Bei dem Wort Kongo dachte Lars sofort an Kenia. Damals in Mombasa war ihm die notwendige Leichtigkeit für derartige Unternehmen abhandengekommen. Jetzt lebte er eher klein - klein, machte Geschäfte, die kaum welche waren, meistens in der Grauzone zwischen dubios bis illegal. Er kaufte und verkaufte dieses und jenes, gelegentlich auch Preziosen, wohl wissend, dass sie geklaut waren. Hehlerei nennt man das im Juristendeutsch. Er strebte nicht nach Geld, nicht mehr. Zweihunderttausend - so viel hatte er schon lange nicht mehr auf einem Haufen gesehen. Wenn Philo ausgerechnet ihm so ein Angebot machte, dann handelte es sich um eine reichlich faule Angelegenheit. Oder er überschätzte Lars maßlos. Wohl beides.
»Bist du noch hier, Lars?«
»Entschuldige.«
Als wären sie zerbrechlich, legte er die fünf oktaederförmigen Steine vorsichtig zurück in die Streichholzschachtel, drückte sie in das Wattepolster. Betrachtete man die Steine oberflächlich, konnte man sie trotz ihrer ungewöhnlichen Farbe von blass gelb über bläulich bis weiß für ausgespuckte Pflaumenkerne halten.
Er schob die zerschrammte Schachtel durch die Bierpfützen Philo zu. Die Schachtel passte nicht zum Inhalt. So wenig wie Lars, innerlich nicht weniger zerschrammt als die Schachtel. (...)

*

(...)
Imani war mit einem gewaltigen Bauch in Köln angekommen und eine Woche später brachte sie ihr erstes Kind zur Welt.
»Kinder kriegen, das ist wie Melonen scheißen«, stellte sie kategorisch fest, als Lars sie nach der Geburt gemeinsam mit Philo im Krankenhaus besuchte. Sie sagte das in diesem weichen Französisch, wie es im Kongo gesprochen wird, da klingt der Satz weitaus weniger vulgär, als im Deutschen.
Kennengelernt hatten sie sich zufällig. Philo hatte ihn auf der Straße angesprochen und nach dem Weg in die nächste Klinik gefragt. Das war am Breslauer Platz hinter dem Hauptbahnhof, wo die Fernbusse ankommen. Sie waren gerade aus einem dieser Busse geklettert. Imani war trotz ihrer schwarzen Haut kalkweiß im Gesicht und umklammerte krampfhaft einen Laternenpfahl, derweil ihr das Fruchtwasser an den Beinen bis in die Schuhe lief. Der Bus kam aus Lyon, das ist eine ziemlich lange Strecke, zu lang für ein Ungeborenes, welches im Mutterbauch heftig um sich tritt, weil es raus will. Das Ruckeln hatte offenbar den Geburtsvorgang in Gang gesetzt.
Lars winkte einem Taxi, überredete den Fahrer sie aufzunehmen und trotz seines Gejammers (»Ihr versaut mir die Rückbank«), fuhr er in halsbrecherischem Tempo in die nächstgelegene Klinik.

Das war jetzt gut vier Jahre her und der Beginn ihrer Freundschaft. (...)

*

(...)
»Hat er dich als WP eingesetzt?«
»Nein, der Landrat gemeinsam mit der finanzierenden Bank. Den Direktor der Bank kenne ich recht gut, Jansen heißt er.«
»Aufsichtsräte?«
»Zwei Rumänen. Die habe ich einmal beim Notar gesehen, dann nie wieder.«
»Pharmazie - ein weites Feld. Was produzieren sie genau?«
»Da wird’s vollends dubios. Er will ein Mittel gegen Aids herstellen. Entwickelt hat man es in den USA. Es gibt Patentschriften, klinische Studien namhafter Institute in den USA, Gutachten von einer Zulassungsbehörde, sehr viel Papier, sehr beeindruckend. Eine Bankgarantie der Bank of America in Tampa gibt es auch. Zur Finanzierung hat er die Garantie nicht eingesetzt, nur vorgezeigt. Klingt alles gut.«
»Zu gut für deinen Geschmack? Vielleicht bist du zu misstrauisch oder denkst zu krumm. Wird schon produziert? Von einem bahnbrechenden Fortschritt in der Aids-Bekämpfung habe ich bislang nichts gehört.«
»Goldberg verlangt strikte Geheimhaltung bis zu dem Zeitpunkt, zu dem sie mit der Produktion beginnen. Er hat zwei schäbige Büroräume und eine eher noch schäbigere Lagerhalle *

*

(...)
Der Fahrer winkte lässig ab. »Das haben wir alle ab und zu mal, ich auch.« Es fehlte nur noch der beruhigende Satz - das wird schon.
Er fuhr nur um eine Ecke, dann zweihundert Meter weiter und hielt.
»Klein, sauber, fünf Minuten bis zur Klinik, preiswert und auf der Straße viele hübsche Mädchen, d'accord?«
Lars gab ihm das Fahrgeld und stieg aus.
»Ist hier bestimmt etwas frei?«
»Ich warte ein paar Minuten.«
Es war ein kleines Hotel, zwanzig Zimmer, schloss er nach den Haken am Schlüsselbrett. Gerade kam ein älterer Weißer und ein viel zu junges schwarzes Mädchen die Treppe herunter. Unten am Ausgang legte sie ihm einen Arm um den Hals, küsste ihn auf die Wange und sagte: »Merci.« Dann eilte sie aus dem Hotel zu ihrem nächsten Kunden.
Der Mann hinter der Rezeption sah ihn fragend an. Wahrscheinlich wunderte er sich, dass Lars ohne Begleitung ein Zimmer buchen wollte.
»Wie lange bleiben Sie, Monsieur?«
»Erst mal eine Woche. Ich weiß noch nicht genau«, erwiderte er.
Der Rezeptionist sah ihn irritiert an. Nur wenige Gäste mieteten für mehr als eine Nacht.
»Wie haben Sie uns gefunden?«
»Ein Taxi-Fahrer.«
Er lachte erfreut. »Ah, auf Jules ist Verlass. Eine Woche sagten Sie, dann am besten ganz oben, ja?«
»Ruhig, wenn möglich. Vielleicht etwas ...«, er zögerte, wollte nicht abfällig klingen, »... etwas abseits vom üblichen Betrieb.«
Der Mann strahlte eine angenehme Sicherheit aus. Musste er wohl auch in so einem Hotel. Fünfzig Jahre etwa war er, sein Kraushaar war silberig durchzogen. Auf der rechten Kopfseite hatte er eine tiefe Narbe, die vom Wangenknochen bis zum Kinn reichte. Nach Machete sah das aus. (...)

*

(...)
Lars betrachtete die Flaschenreihe im Regal, sah sich dahinter im Spiegel, blickte in die Augen einer Frau. Sie lächelte ein wenig. Lars war verblüfft, lächelte mit Verzögerung zurück. Sie lächelte stärker. Er sah im Spiegel die langen silbernen Ketten mit Perlen an ihren Ohren. Mit Verspätung kapierte er, dass die Frau im Spiegel direkt neben ihm stand und die Silberketten mit den Perlen nur wenige Zentimeter neben ihm hin und her pendelten.
Er drehte den Kopf und sie lachte laut.
»Sans le miroir, il est plus facile.«
Lars sagte: »Ja, stimmt. Ohne Spiegel ist es einfacher. Wie geht es?«
»Danke, sehr gut, und dir? Ich bin Liz«, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen.
»Lars Petersen. Ich bin heute erst angekommen.«
Ihre Hautfarbe war heller, nicht so tintenschwarz wie die der anderen Frauen an der Bar. Für eine Afrikanerin hatte sie ungewöhnlich lange Haare, wenig gekraust, zu einem dicken Pferdeschwanz geschlungen. Afrikanerinnen wünschen sich lange Haare wie Europäerinnen und dafür flechten sie Haarverlängerungen in ihr eigenes Haar, stark gekraust und von mittel- bis hellbrauner Farbe. Ein reizvoller Kontrast zu ihrem schwarzen Kraushaar. Die Frau vor ihm hatte nichts eingeflochten, es waren ihre eigenen Haare.
Sie hatte sich mit dem Glas in der Hand zu ihm umgedreht, wandte ihren Freundinnen den Rücken zu. Sie trug eine schmale hellblaue Jeans und ein Hemd mit großen braunen Karos, geschnitten wie ein Herrenhemd. Ich hätte mich umziehen sollen, dachte Lars. Er war noch in den Klamotten, die er während des Fluges angehabt hatte, fühlte sich schmutzig. Nicht mal schnell unter die Dusche war er gesprungen.
»Du bist nicht von hier?«
Er lachte. »Nein, das sieht und hört man wohl. Ich bin Deutscher.«
Sie stutzte, antwortete dann in fließendem Deutsch: »So eine Überraschung. Deutsche sind hier selten.«
»Ich bin geschäftlich hier. Wo hast du Deutsch gelernt?«
»Erst in der Schule, dann an der Universität in Daressalam und später in Hamburg. Meine Schwester lebt in Hamburg, ich habe längere Zeit dort gelebt.«
»Was tust du hier? Du bist aus Tansania?«
»Ja, ich bin Dolmetscherin bei der UNESCO. Geschäftlich - hast du mit Diamanten zu tun?« (...)


Der Autor
Detlev Crusius, alias Eddy Zack, muss sich für seine Romane nur wenig ausdenken. Er hat viele Jahre im Nahen Osten, in Libyen und in Russland gearbeitet. Als Matrose der Handelsmarine bereiste er als gerade mal 16-jähriger die Küsten Afrikas bis hinunter zum Kap der Guten Hoffnung, das Innere des Kontinentes im Jeep, auf dem Kamel und zu Fuß. In Mittelamerika blieb er hängen und lebte dort einige Zeit. Er kennt die Tricks der Waffenhändler, der Treuhänder in Zürich und die der Banken, denn er gehörte einmal dazu. Die Methoden der Schlapphüte des KGB und ihrer westlichen Gegenspieler hat er schmerzhaft am eigenen Leib erfahren.
Er sagt - ich schreibe aus meinem Kopf ab. Und wenn das nicht reicht, nehme ich die Köpfe meiner Freunde hinzu.
Geboren 1942 in Landsberg/Warthe (heute Gorzów Wielkopolski in Polen), aufgewachsen in Güstrow, Krefeld und auf vielen Stationen dazwischen. Detlev Crusius hat gelebt und gearbeitet in Krefeld, Köln, Frankfurt, Berlin, Hamburg, Dresden, Rom, London, Moskau, Riad, Jeddah, Tripolis, Damaskus und Zürich.
Zu seiner Biografie gehören auch vier Jahre Gefängnis wegen Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz und das UN-Embargo gegen Libyen. Schon deshalb sind viele seiner Bücher im Wortsinn keine Romane, sondern eher Insider-Berichte.
Er ist mit einer Russin verheiratet und lebt in Spanien.


Eddy Zack, Ebola

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